Blogbeitrag
«Mami, ich bi fertig mit de Ufzgi!» – Wenn die Hausaufgaben in Rekordzeit erledigt sind, schleicht sich bei Eltern oft ein Verdacht ein: Hat da etwa ChatGPT nachgeholfen? Künstliche Intelligenz (KI) verändert die Art, wie unsere Kinder lernen. Aber ist das nun der Untergang des selbstständigen Denkens oder eine Chance?
Ein bisschen scheint es wie «Abschreiben 2.0» zu sein. Früher hat man die Lösungen morgens im Bus von jemandem übernommen, heute füttert man einfach KI-Chatbots mit der Aufgabenstellung. Der Reiz ist klar: Auch wir haben uns doch immer auf den Moment gefreut, wenn Hefte und Schreibzeug wieder weggepackt werden konnten und der freie Nachmittag begann.
Das Problem dabei ist das sogenannte «Skill Skipping» oder auch «Deskilling», wenn wichtige Denkschritte einfach übersprungen werden und entsprechende Kompetenzen verloren gehen. Denn Hausaufgaben haben einen Sinn. Sie helfen, das Gelernte zu vertiefen, selbstständiges Denken zu üben und – wenn es kompliziert wird – Durchhaltevermögen zu entwickeln. Ein Aufsatz soll nicht einfach nur geschrieben werden, Schülerinnen und Schüler lernen dabei, Gedanken zu ordnen, Argumente zu finden und sich auszudrücken. Bei einem Vortrag müssen sie Quellen beurteilen, Inhalte strukturieren und das angeeignete Wissen so aufbereiten, dass sie es vermitteln können. Bei Matheaufgaben geht es nicht nur ums Ergebnis, sondern um den Lösungsweg. Gerade wenn Kinder und Jugendliche müde sind, unter Zeitdruck stehen oder sich überfordert fühlen, ist eine Abkürzung über KI verlockend.
Sicher ist: KI-Tools einfach zu verbieten, ist weder realistisch noch sinnvoll. Wenn wir nur verbieten, verpassen wir die Chance, unseren Kindern einen kritischen Umgang beizubringen.
Und es gibt ja durchaus gute Einsatzmöglichkeiten: KI-Chatbots wie ChatGPT, Copilot, Gemini, Claude etc. können helfen, komplizierte Texte besser zu verstehen, indem sie sie vereinfacht erklären. Sie können als Brainstorming-Partner dienen oder Feedback auf erste Entwürfe geben,. Übungsaufgaben entwickeln, Vokabeln abfragen oder ein Quiz zu einem Lernthema erstellen.
Problematisch wird es, wenn die KI nicht unterstützt, sondern ersetzt. Wenn Kinder nicht mehr selbst nachdenken, sondern blind abschreiben. Dann geht der Lerneffekt verloren – und mit ihm auch die Kompetenz, eigene Ideen zu entwickeln.
Hinzu kommt: KI-Chatbots sind Sprachmodelle, die auf Wahrscheinlichkeiten basieren. Das bedeutet, sie «halluzinieren» manchmal, erfinden Fakten, die total glaubwürdig klingen, aber schlichtweg falsch sind. Kinder und Jugendliche, die nicht gelernt haben, Inhalte zu hinterfragen, übernehmen Fehler, ohne es zu bemerken. Oder sie verlieren das Gefühl dafür, was sie wirklich verstanden haben und was nicht.
Entscheidend ist, dass Kinder lernen, KI als Werkzeug zu nutzen, nicht als Ersatz fürs Denken. Und dass sie verstehen, wie ein KI-Tool funktioniert. Kommen Sie mit Ihrem Kind ins Gespräch: Wofür nutzt du das Tool? Was macht es für dich? Verstehst du, was dabei herauskommt? Solche Fragen schaffen eine Grundlage für einen bewussten Umgang. Dazu gehört nicht zuletzt das Thema Datenschutz. Ihr Kind sollte wissen, dass persönliche Informationen oder sensible Inhalte in einem KI-Tool nichts verloren haben.
Probieren Sie gemeinsam aus, was KI kann – und wo ihre Grenzen liegen. Wenn ein Kind sieht, dass ChatGPT manchmal Unsinn produziert oder zu oberflächliche Antworten gibt, wird es kritischer. Und wenn es merkt, dass der eigene Gedanke am Ende doch besser war, stärkt das sein Selbstvertrauen.
Wichtig ist ausserdem, klare Absprachen zu treffen. Ihr Kind sollte verstehen, warum es manche Aufgaben alleine bearbeiten sollte. Bei anderen kann die KI als Hilfsmittel erlaubt sein, sollte aber nicht die Hauptarbeit übernehmen. Wenn KI zum Einsatz kommt, kann das auch transparent kommuniziert werden: «KI genutzt für Begriffsklärung» oder «für Feedback zur Struktur». Solche Regeln lassen sich am besten gemeinsam entwickeln, auch im Austausch mit der Schule.
Denn Schulen stehen vor der gleichen Frage: Wie sollen sie mit KI umgehen? Manche Lehrpersonen verbieten die Nutzung, andere integrieren sie bewusst in den Unterricht. Und wie bei jedem Werkzeug kommt es darauf an, wie wir es nutzen. Selbstständigkeit und Kreativität bleiben genauso wichtig wie die Fähigkeit, Dinge zu hinterfragen.
Bettina Bichsel ist Journalistin und Texterin. Sie schreibt und bloggt unter anderem für Jugend und Medien.
Letzte Aktualisierung des Textes am 21.03.26