Blogbeitrag
Manche sind lustig, manche einfach nur unsinnig – und manche richtig gefährlich. Auf TikTok, YouTube, Instagram und anderen Plattformen kursieren immer wieder Challenges, die vor allem Jugendliche zum Nachahmen animieren.
Am Anfang stand die Ice Bucket Challenge. Das war 2014 und plötzlich war YouTube voll von Videos, in denen man Menschen aus aller Welt zusehen konnte, wie ihnen ein Eimer mit eiskaltem Wasser über den Kopf geleert wurde. Hintergrund war eine Spendenkampagne für die Nervenkrankheit ALS, weil das lähmende Gefühl, das durch das Eiswasser kurz zu spüren war, die Betroffenen ein Leben lang begleitet. Im allgemeinen Hype ging dieses Anliegen jedoch eher unter. Und mancherorts endete der Versuch, die Aktion besonders spektakulär zu gestalten, mit Verletzungen oder sogar tödlich.
Mutproben an sich sind ja nichts Neues. In Erich Kästners Klassiker »Das fliegende Klassenzimmer« ist es der kleine Uli, der mit aufgespanntem Regenschirm von einem Klettergerüst springt. Der Sturz bringt ihm zwar einen Beinbruch ein, aber auch den gehörigen Respekt seiner Gspänli. Und in dem Film mit dem passenden Namen »Denn sie wissen nicht, was sie tun«, liefern sich James Dean und andere Jugendliche aus purer Langeweile halsbrecherische Autorennen.
Was war es bei Ihnen, als Sie jung waren? Sind Sie nachts mit Freund*innen ins Freibad geklettert und vom Fünfmeterbrett gesprungen? Im Dunkeln über den Friedhof gelaufen? Ohne Führerschein Töffli gefahren?
Heute ist einfach das Handy immer griffbereit, um alles filmisch festzuhalten. Und durch Videoplattformen und Social Media kriegen wir mit, welche Spässe oder Verrücktheiten anderen einfallen. Ein Clip wird geteilt, nachgestellt und weiterentwickelt. Manchmal dauert es nur wenige Stunden, bis aus einer einzelnen Idee ein Trend wird.
Einige Beispiele, die in letzter Zeit viral gingen:
Zur Fussball-Weltmeisterschaft 2026 wird zum offiziellen Turnier-Song von Shakira und Burna Boy getanzt. Überhaupt gehören Tanz-Choreos zu den beliebtesten Challenges.
Nutzer*innen zeigen in Vorher-Nachher-Videos, wie sie sich verändert haben - etwa durch eine neue Frisur, einen anderen Kleidungsstil, Sport oder neue Alltagsroutinen. Das kann motivieren, aber auch den Druck verstärken, bestimmten Schönheitsidealen zu entsprechen.
Ein Gruppenspiel, bei dem alle bis auf ein Mitglied (Imposter oder «Bluffer») einen geheimen Begriff kennen. Der Imposter versucht, möglichst überzeugend so tun, als wüsste er/sie, worum es geht. Die anderen müssen ihn/sie entlarven.
Die Neuauflage der Ice Bucket Challenge machte auf psychische Gesundheit und Suizidprävention aufmerksam und sammelte Spenden für entsprechende Hilfsangebote.
Daneben gibt es immer wieder gefährliche Challenges. Schlagzeilen gemacht haben etwa folgende Beispiele, bei denen man:
aus dem fahrenden Auto steigen, tanzen und wieder einsteigen sollte,
Pads mit Flüssigwaschmittel aufbeisst,
Kondome durch die Nase in den Rachen zieht, um sie aus dem Mund wieder rauszunehmen,
mit verbundenen Augen all das tut, was man sonst im Alltag auch macht,
durch Luftanhalten oder Druck auf die Brust in Ohnmacht fällt,
oder giftige chemische Dämpfe aus Haushaltsgegenständen inhaliert, um einen kurzen Rauschzustand zu erzeugen.
Die normale Erwachsenenreaktion bei solchen Ideen dürfte ein Kopfschütteln sein. Und man fragt sich, wie es sein kann, dass sich gerade junge Menschen immer wieder zu so leichtsinnigen oder gar gefährlichen Aktionen hinreissen lassen.
Eine Antwort auf diese Frage liefert die Entwicklungspsychologie: Die Adoleszenz beginnt ungefähr mit 10 Jahren; wichtige Reifungsprozesse im Gehirn dauern bis ins junge Erwachsenenalter. Gehirnregionen, die auf Emotionen und Belohnungen reagieren, sind in dieser Phase besonders empfänglich. Soziale Erfahrungen sind für Jugendliche von zentraler Bedeutung und sie probieren vieles aus. In aufregenden Situationen oder unter Gleichaltrigen kann die Aussicht auf Nervenkitzel und Anerkennung die Gedanken an mögliche negative Konsequenzen von Handlungen verdrängen.
Werden Jugendliche selbst dazu befragt, was sie an Challenges so faszinierend finden und was sie zum Mitmachen motiviert, sagen sie unter anderem, dass:
sie neugierig sind und gerne Neues ausprobieren,
gerade das Riskante die Herausforderung spannend macht,
sie sich dazugehörig fühlen, wenn sie mitmachen und das Video dann mit ihren Freund*innen teilen,
eine Teilnahme Aufmerksamkeit erregt und Anerkennung bei anderen findet.
Eine Untersuchung der Landesanstalt für Medien NRW bestätigt diese Motive. Bei den Jugendlichen, die selbst schon an einer Challenge teilgenommen hatten, standen vor allem Anerkennung durch andere, Spass und die Möglichkeit, zu zeigen, was man kann, im Vordergrund. Belohnungserwartung und Nervenkitzel spielen also eine wichtige Rolle. Grenzen werden ausgetestet. Kein Zweifel: Wer eine Mutprobe erfolgreich besteht, fühlt sich grossartig.
Wer Challenges einfach als Unsinn abtut und pauschal verbietet, wird bei Jugendlichen wenig Gehör finden. Eine von TikTok in Auftrag gegebene frühere Studie regt vielmehr an, Präventionswege zu suchen, welche die Sichtweisen der Jugendlichen mehr miteinbeziehen. Befragt über ihre Einschätzung von ihnen bekannten Challenges, wurden die meisten als lustig/leichtsinnig oder zwar als riskant, aber sicher eingestuft. Gleichzeitig gab fast die Hälfte der Jugendlichen an, dass sie gerne mehr darüber wissen möchten, wie sie Risiken besser abschätzen können und «was es bedeutet, zu weit zu gehen».
Die oben genannte Untersuchung der Landesanstalt für Medien NRW ergänzt dieses Bild. Von den 755 TikTok-nutzenden Kindern und Jugendlichen zwischen 10 und 16 Jahren, die befragt wurden, wünschten sich etwa 60 Prozent, das Thema von negativen und potenziell gefährlichen TikTok-Inhalten stärker in der Schule zu behandeln; 55 Prozent würden gerne mehr in der Familie darüber sprechen.
Sich über mögliche Konsequenzen auszutauschen, ist eine Möglichkeit: Was kann schiefgehen? Ist es dann immer noch cool? Und was heisst es, wirklich mutig zu sein? Braucht es nicht sehr viel mehr Mut, Nein zu sagen und dem Gruppendruck zu widerstehen?
Ausserdem können genau die Aspekte, die Jugendliche dazu bewegen, an (riskanten) Challenges teilzunehmen, Anhaltspunkte bieten für ein Gespräch. Beeindrucken kann ich andere auch mit kreativen oder lustigen Online-Inhalten, die ich gestalte. Und der Wunsch, Neues auszuprobieren oder einen Nervenkitzel zu spüren, kann ja auch auf andere Weise erfüllt werden. Was kommt den Jugendlichen selbst in den Sinn? Wie können sie Spannendes erleben oder sich einer Herausforderung stellen? Vielleicht entstehen so Ideen für den nächsten Familienausflug.
Und nicht zuletzt gibt es natürlich auch Challenges, bei denen es sich wirklich lohnt mitzumachen:
ruft dazu auf, öffentliche Orte von Müll zu befreien – dokumentiert mit Vorher-Nachher-Fotos.
animiert dazu, über einen festgelegten Zeitraum möglichst wenig Abfall zu produzieren, Verpackungen zu recyclen und Nahrungsmittel zu verwerten.
fordert die Teilnehmenden dazu auf, eine Zeit lang auf nicht notwendige Einkäufe zu verzichten und den eigenen Konsum zu hinterfragen.
Oder Sie sind einfach selbst kreativ und erfinden Ihre eigene Challenge. Wir freuen uns über Ideen!
Bettina Bichsel ist Journalistin und Texterin. Sie schreibt und bloggt unter anderem für Jugend und Medien.
Letzte Aktualisierung des Textes am 25.08.26