Blogbeitrag
In der Schule meines Sohnes gilt ein Handyverbot. Bei Schulbeginn schliessen die Kinder ihr Telefon in einen kleinen Handyspind, bei Schulschluss holen sie es wieder heraus. Lehrpersonen können Ausnahmen bewilligen: Wenn ein Kind dringend zuhause anrufen muss oder wenn die Smartphones im Unterricht gebraucht werden.
So geschah es auch in einer Lektion «Natur und Technik» in der Parallelklasse meines Sohnes. Die Schüler*innen sollten Wasser sieden und die Veränderungen in einem Temperatur-Zeit-Diagramm in regelmässigen Abständen festhalten. Die Lehrerin – sie war nur als Aushilfe da, weil die reguläre Lehrperson ausgefallen war, und kannte die Klasse erst kurz – erlaubte den Kindern, die Zeit mit dem Handy zu stoppen.
Ab diesem Zeitpunkt wird die Erzählung, die von Nando (Name geändert), einem Kollegen meines Sohnes über meinen Sohn zu mir gelangte, etwas schwammig. Zudem ist sie gefärbt von Nandos Perspektive, der nicht nur kein Fan von «Natur und Technik», sondern aufgrund einer harmlosen Vorgeschichte auch nicht gut auf die Lehrperson zu sprechen ist. Und nicht zuletzt ist Nando in einer Phase, in der er jede sich bietende Gelegenheit nutzt, um zu provozieren, Grenzen zu testen oder seinen «Mut» unter Beweis zu stellen. Was keine Entschuldigung ist, sondern leider, wie in diesem Fall, ziemlich verheerende Folgen haben kann.
Aber zurück zum Wasserkoch-Experiment: Klar ist für mich, dass die Situation im Schullabor ziemlich schnell ausser Kontrolle geraten sein muss: In Gruppen haben die Kinder mit Brennern, Thermometern und Handys hantiert. Es war wild, es war laut, es war ausgelassen, unübersichtlich – und es war gefährlich. Immer wieder ermahnte die Lehrerin die Schüler*innen, konzentriert zu arbeiten und gut aufzupassen. Das heisse Wasser, die Verbrühungsgefahr! Die Gläser, die zerbrechen können! Die Brenner, die Flammen! Sie sollen ruhig sein, ordentlich die Werte eintragen, am Tisch der jeweiligen Gruppe bleiben. «Nando! Was habe ich dir gesagt, hu****iech! Jetzt reicht's! Zurück an deinen Platz!»
Ab da sei die Situation eskaliert, so erzählt es Nando in der Schule amüsiert. Die Lehrerin sei rot im Gesicht geworden, immer lauter und schriller ihre Stimme. Lustig sei das gewesen, ganz besonders, als sie dann auch noch begonnen habe, die Kinder mit Kraftausdrücken anzuschreien und Schimpfwörter verwendet hat, für die die Schüler*innen selbst sofort eine Strafe kassiert hätten. Nando habe also sein Handy gezückt, die Kamera eingeschaltet und unter der Schulbank hindurch heimlich gefilmt, wie die Lehrerin ausrastete.
Das verwackelte kurze Filmchen, das kurz darauf in der Snapchat-Gruppe der gesamten Schulstufe landete, zeigt von der Lehrerin nur wenig. Ich habe es gesehen: Allein das wenig Sichtbare ist alles andere als vorteilhaft. Ihr verbaler Ausraster aber ist in bester Tonqualität für die Nachwelt festgehalten.
Melden Sie sich bei der Schulleitung, wenn Sie durch Ihr Kind mitbekommen, dass Lehrpersonen in Gruppen-Chats oder in sozialen Netzwerken verspottet oder angegriffen werden. Das gilt auch, wenn Ihr Kind selbst nicht aktiv am Mobbing beteiligt ist. (Cyber-)Mobbing betrifft immer eine ganze Gruppe – nicht nur die direkt Betroffenen, sondern auch Mitläuferinnen und Mitläufer, die tatenlos zusehen. Es ist wichtig, dass Vorfälle mindestens auf Klassenebene oder sogar schulweit thematisiert werden.
Auch wenn Cybermobbing in der Schweiz kein Straftatbestand ist, kann man sich strafbar machen, etwa wegen Drohung, Verleumdung oder Nötigung. Kinder und Jugendliche sind sich dessen oft nicht bewusst. Sie halten es für Spass, finden es lustig, andere zu hänseln oder blosszustellen. Ein Perspektivenwechsel kann helfen: Was würde es mit einem selbst machen, wenn man gemobbt wird?
Ein respektvolles Schulklima entsteht nicht von selbst. Es braucht klare, gemeinsam vereinbarte Regeln – und Erwachsene, die vorleben, wie man Konflikte löst.
Gibt das Verhalten einer Lehrperson selbst Anlass zur Kritik, ist es wichtig, dass Kinder und Jugendliche wissen, wohin sie sich wenden können. Und dass sie angehört werden.
Kaum war die Schule aus und auch die Kinder der anderen Klassen wieder mit ihren Smartphones vereint, explodierte der Gruppenchat. Fiese Kommentare, Stickers und Memes mit dem wutverzerrten Gesicht der Lehrerin machten die Runde und auch Jugendliche, die nichts mit ihr zu tun hatten, spotteten über sie: Sie sei die unfähigste Lehrerin, die es gäbe, aggressiv und eine Kinderhasserin. Eine wie sie dürfe nicht mehr unterrichten und müsse gemeldet und gekündigt werden.
Tatsächlich meldete ich den Fall bei der Schulleitung. Aber nicht, weil ich mich über die Lehrerin beklagen wollte. Sondern weil das, was mit ein bisschen erhitztem Wasser begann, zu kochend heissem Cybermobbing geworden war. Cybermobbing, das Gesundheit, Leben und Karrieren zerstören kann.
Ich redete meinem Sohn ins Gewissen und erklärte, dass diese Lehrperson nicht in erster Linie eine Kinderbändigerin, sondern ein Mensch ist. Verletzlich wie wir alle. Mit Fehlern wie wir alle. Dass das, was die Schüler*innen der Frau antaten, Cybermobbing war. Und auch wenn sie als Lehrkraft ihnen gegenüber in einer Machtposition stehe, sei ihr Verhalten moralisch verwerflich und vielleicht sogar strafbar. Er hat es schnell begriffen und aufgehört, sich am Gespött zu beteiligen. Gleichzeitig hat er mich gebeten, Nando nicht zu verraten. Würde dieser herausfinden, dass ich die Schulleitung informiert habe, sei er als Sohn der «Verräterin» sofort das nächste Opfer.
Also informierte ich die Schulleitung so vage wie nötig und so deutlich wie möglich. Sie nahm meine Meldung ernst. In der Klasse haben Gespräche stattgefunden. Wie, mit wem – darüber weiss ich nichts. Es scheint immerhin, die Klasse habe das so ernst genommen, dass sich danach niemand mehr damit brüsten oder überhaupt gross darüber sprechen wollte. Zudem erhielten die Eltern aller Schüler*innen der Schule einen Brief, der auf den Fall Bezug nahm und die Nulltoleranz-Policy gegenüber Mobbing und Cybermobbing deutlich machte. Diese gelte für alle, ganz egal, ob Kinder, Lehr- oder anderes Schulpersonal betroffen sei.
Und die Lehrerin? Sie blieb, bis die gewohnte Lehrkraft den Unterricht wieder aufnehmen konnte. Ich hoffe, dass sie ohne grosse Verletzungen ihren Weg als Pädagogin fortsetzen kann. Und dass diese missglückte Stunde «Natur und Technik» wenigstens als ausserschulische Medienbildungslektion lange nachwirken wird.
Noëmi Pommes ist Medienschaffende und zweifache Mutter, setzt sich beruflich und privat für Inklusion und Diversität ein, regt sich auf über Ungleichbehandlung und Starrköpfigkeit und kompensiert mit Fritten, Singen und Campen im VW-Bus. Zum Schutz ihrer Kinder schreibt sie hier unter einem Pseudonym.
Letzte Aktualisierung des Textes am 20.04.26