Blogbeitrag
Ein provozierendes Video, das gelikt wird. Ein weitergeleitetes Meme. Hasserfüllte Kommentare. Extremismus im Netz kennt viele Gesichter. Wie gelingt es, Jugendliche in diesen problematischen Kreisen zu erreichen und mit ihnen ins Gespräch zu kommen? Das Projekt digitalstreetwork.ch sucht nach einer neuen Antwort auf diese Frage, indem es Jugendarbeit und Extremismusprävention online zusammenführt.
Wenn die Digital Streetworkerinnen und Streetworker auf TikTok und Instagram unterwegs sind, suchen sie nicht einfach nur nach extremistischen Inhalten, um darauf zu reagieren. Sie führen eine Art Anamnese durch. Da die personellen Ressourcen begrenzt sind, muss die Arbeit gezielt erfolgen.
«Wir müssen versuchen, unsere Kräfte so sinnvoll wie möglich einzusetzen», erklärt Julian, einer der Digital Streetworker. «Das setzt voraus, dass wir uns nicht nur fragen, wen wir erreichen möchten, sondern bei wem die grössten Chancen bestehen, dass Prävention noch wirken kann. Wo ist es noch nicht zu spät? Wo können wir noch etwas verhindern? Das setzt viel Expertise, viel Erfahrung und auch viel Fachwissen voraus.» Nicht zuletzt, da Extremismus selten transparent auftritt. Er ist oft kodifiziert, symbolhaft oder versteckt sich hinter abstrakten Begriffen und Online-Trends, die das Team durch ständiges Monitoring beobachtet.
Um die nötigen Voraussetzungen für gezielte Interventionen zu schaffen, investierte das Team in den ersten Monaten nach Projektstart in Schulung und Wissenstransfer. Seit Anfang 2026 durchforsten sie nun Posts und Kommentare, spüren problematische Inhalte auf und treten dann proaktiv auf Userinnen und User zu, die sie in ihrer Zielgruppe – Jugendliche und junge Menschen im Alter zwischen 14 und 25 Jahren aus der deutschsprachigen Schweiz – verorten.
Konkret kann das der Fall sein, wenn beispielsweise in den Kommentaren zu einem Video mit rechtsextremen Narrativen applaudierende Emojis auftauchen, wenn Hitler-Memes weiterverbreitet oder Posts mit dem Hashtag «Remigration» gelikt werden.
Die Kontaktaufnahme erfolgt über persönliche Fach-Accounts der Digital Streetworkerinnen und Streetworker auf Instagram und TikTok. Jugendliche haben zudem die Möglichkeit, das Team niederschwellig über Signal, WhatsApp oder anonym über ein Kontaktformular auf der Webseite zu erreichen. Ziel ist es, in einen Dialog zu treten und zu prüfen, ob ein Bewusstsein für die Problematik der verwendeten Begriffe vorhanden ist oder ob eine demokratische Diskussion über Themen wie Asylpolitik noch möglich ist.
Hier grenzt sich digitalstreetwork.ch bewusst von klassischer Jugendarbeit ab. Während herkömmliche Angebote oft darauf ausgelegt sind, dass Jugendliche von sich aus Kontakt suchen, geht das Projekt der Stiftung Kinderdorf Pestalozzi aktiv auf die Zielgruppe zu und verfolgt dabei einen konfrontativen Ansatz. Julian betont: «Wir kommen mit dem Anspruch, problematisches Verhalten auch wirklich anzusprechen.» Dabei bewegen sie sich auf einem schwierigen Grat zwischen Wertschätzung für die Person und klarer Konfrontation in der Sache. Das Angebot ist klar in der Primär- und Sekundärprävention angesiedelt; Tertiärarbeit oder Ausstiegshilfe leistet das Team nicht.
Die Reaktionen auf die Kontaktaufnahme sind unterschiedlich. Manchmal gelingt es, eine Reflexion anzustossen. Dann fangen die Jugendlichen an zu hinterfragen, was sie da eigentlich gerade unterstützt haben.
Doch es gibt auch die andere Seite: Dass es sich um junge Menschen handelt, die in ihrem Weltbild bereits so gefestigt sind, dass sie kein Gehör mehr haben für andere Narrative. Geht es so weit, dass im Dialog klare Gewaltabsichten oder terroristische Pläne geäussert werden, schalten die Digital Streetworkerinnen und Streetworker die Polizei ein.
«Das ist die Herausforderung», sagt Julian. «Man versucht, junge Menschen in einem Moment anzusprechen, der vielleicht gerade ein Scheideweg für sie ist.»
Aber selbst wenn keine Reaktion erfolgt – was nicht selten geschieht –, ist Projektleiterin Nam-mi hoffnungsvoll: «Prävention bedeutet, Impulse zu setzen. Was das beim Gegenüber auslöst, bleibt oft unklar, weil die Wirkung nicht direkt messbar ist. Selbst wenn wir geghostet werden, geben wir Impulse mit und senden die Botschaft, dass bestimmte Inhalte nicht in Ordnung sind und man sich darüber Gedanken machen sollte.»
Um das Wissen aus dem Projekt zu teilen, setzt digitalstreetwork.ch auf die Arbeit mit Multiplikatoren. Am 10. Februar 2026, im Kontext des Safer Internet Days, fand bereits eine hybride Fachtagung zum Thema statt. Für Fachkräfte, die den Austausch vertiefen möchten, bietet das Projekt im März ein informelles, digitales Treffen an, um über Erkenntnisse und Herausforderungen in der Extremismusprävention zu diskutieren.
Bettina Bichsel ist Journalistin und Texterin. Sie schreibt und bloggt unter anderem für Jugend und Medien.
Letzte Aktualisierung des Textes am 27.02.26