Blogbeitrag
Der Jahresanfang ist oft die Zeit der guten Vorsätze. Mehr Bewegung, weniger Süsses – vielleicht auch: weniger Bildschirm. Doch allzu oft sind die alten Routinen wieder am Start. Was helfen kann, ist ein ehrlicher Blick auf den digitalen Familienalltag, eine Art Inventur, kombiniert mit den Erkenntnissen einer jüngst veröffentlichten Studie.
Bei einer Inventur geht es um eine (sachliche) Bestandsaufnahme. In Bezug auf die Nutzung digitaler Medien heisst das, gemeinsam zu verstehen, wie digitale Medien den Alltag prägen – was gut funktioniert, was Spass macht, wo Konfliktpotenzial besteht und was vielleicht aus dem Gleichgewicht geraten ist.
Drei einfache Leitfragen können den Einstieg erleichtern:
Zum Beispiel Kontakt mit Freundinnen und Freunden, kreative Projekte, Lernangebote, lustige Videos, gemeinsames Gamen.
Etwa Diskussionen um Bildschirmzeiten, Konflikte um Games, Binge-Watching von Serien, stupide Fernsehshows, ständige Erreichbarkeit.
Vielleicht andere Hobbys, Bewegung, gemeinsame Zeit, Schlaf.
Ein solches Gespräch erfüllt gleich zwei wichtige Funktionen: Es verschiebt den Fokus weg von reinen Bildschirmminuten hin zu Fragen nach Erleben und Wirkung. Und sie bringt Eltern und Kinder in den Austausch über ihren digitalen Alltag. Beides ist zentral, wie auch die neue Schweizer EU-Kids-Online-Studie zeigt.
Dass fast die Hälfte der Kinder in der Befragung sagte, ihre Eltern würden nur selten oder gar nie mit ihnen über ihre Online-Aktivitäten sprechen, erstaunte auch die Studienverantwortlichen. Prof. Dr. Martin Hermida, Studienleiter und Dozent am Institut für Medien und Schule der Pädagogischen Hochschule Schwyz, sieht dafür mehrere Gründe: «Viele Eltern wissen schlicht nicht, was ihre Kinder online machen, weil vieles auf dem Smartphone passiert und sie keinen direkten Einblick haben. Hinzu kommt die Hektik des Familienalltags – man muss den richtigen Moment erwischen, in dem alle offen sind für ein Gespräch. Doch dieser Austausch ist entscheidend und wird immer wichtiger, weil sich die digitale Medienlandschaft rasant verändert.»
Kinder und Jugendliche bewegen sich selbstverständlich in digitalen Räumen – doch sie begegnen dort auch heiklen Inhalten. Am häufigsten nennen sie den Kontakt mit Hassrede, problematischen nutzergenerierten Inhalten und sexuellen Darstellungen. Besonders ältere Jugendliche teilen persönliche Daten teilweise so, dass sie für viele fremde Personen sichtbar sind.
Viele Kinder wissen, wie sie sich online schützen können: Die meisten kennen Blockier- und Meldefunktionen, über die Hälfte hat sie auch schon genutzt. Gleichzeitig zeigt sich Unsicherheit beim kritischen Umgang mit Informationen: Nur gut die Hälfte der 15- und 16-Jährigen weiss, wie man die Glaubwürdigkeit von Online-Quellen prüft. Und nur 52 Prozent aller Befragten wissen, was sie tun können, wenn jemand im Internet etwas macht, das sie stört.
28% der Kinder und Jugendlichen sagen, dass ihre Eltern nie mit ihnen über das sprechen, was sie im Internet machen, weitere 18%, dass dies fast nie geschieht. Wenn online etwas Unangenehmes passiert, wenden sich Heranwachsende zuerst an Freundinnen und Freunde.
Kinder und Jugendliche wünschen sich mehr Orientierung und praktische Tipps, vor allem zu den Themen Fake News, Datenschutz und Cybermobbing. Fast ein Viertel der 15- bis 16-Jährigen hat ausserdem schon vergeblich versucht, weniger Zeit im Internet zu verbringen.
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Gespräche über Medien finden laut Martin Hermida am besten dann statt, wenn keine akute Krise da ist, also beispielsweise nicht dann, wenn ich als Elternteil das Gefühl habe, jetzt wäre mal wieder eine Handy-, Game- oder Fernsehpause angesagt. Der Medienexperte spricht Eltern dabei ausdrücklich Mut zu: «Eltern brauchen keine Unterstützung, wenn es darum geht, wie sie am besten mit ihrem Kind sprechen. Das weiss niemand besser als sie.» Aus seiner Sicht braucht es eher eine Erinnerung, solche Gespräche regelmässig zu führen. Und: «Kinder wollen ernst genommen werden, weil die Art, wie sie Medien nutzen, mit ihren Bedürfnissen zusammenhängt. Ausserdem wissen auch wir Erwachsenen, dass es nicht immer leicht ist, das Handy wegzulegen oder den Fernseher auszuschalten.»
Hilfreich ist es, den Blick weg von starren Zeitvorgaben zu lenken. Nicht die Anzahl Minuten ist ausschlaggebend, sondern die Folgen der Mediennutzung. Laut Martin Hermida ist die entscheidende Frage, ob ein Kind noch genügend Ressourcen für andere Lebensbereiche hat: «Problematisch wird es, wenn Kinder zu wenig Zeit für Schule, Freundschaften, Erholung und Bewegung haben.» Eltern können das sehr gut beobachten. Und wer wegkommt von starren Zeitlimiten, kann individuellere Lösungen finden.
Gespräche sind aber auch deshalb wichtig, weil wir Kinder und Jugendliche beim Aufwachsen in einer digitalen Welt nicht komplett vor Risiken schützen können. Entscheidend ist, wie sie lernen, damit umzugehen – und zwar möglichst früh. Medienkompetenz wird zwar in der Schule vermittelt, die Zeitgefässe dafür sind aber begrenzt. Viele Themen lassen sich nur anreissen, nicht vertiefen. Umso bedeutender ist es, dass Eltern im Alltag immer wieder Erfahrungen ihrer Kinder aufgreifen und nachfragen.
Kinder müssen beispielsweise wissen, wie sie problematische Inhalte melden und andere Nutzerinnen und Nutzer blockieren können. Und gerade weil sich viele Heranwachsende laut Studie erst einmal an Freundinnen und Freunde wenden, wenn online etwas Unangenehmes passiert, sollte ihnen vermittelt werden, dass sie keine Angst haben müssen, sich Erwachsenen mitzuteilen. «Die Sorge, dass vielleicht ein Handyverbot die Folge ist, oder die Scham, etwas Blödes gemacht zu haben, erhöhen die Hemmschwelle, sich Eltern oder anderen Erwachsenen anzuvertrauen», erklärt Martin Hermida.
Regeln müssen nicht kompliziert sein. Einfache Abmachungen wie «kein Handy am Tisch» oder «keine Geräte direkt vor dem Einschlafen» wirken oft schon deutlich. Sinnvoll sind auch Zeitlimiten für einzelne Apps, etwa für Social Media. Und wichtig ist, dass Eltern das selbst vorleben: Sie verbringen vielleicht keine Stunden auf TikTok, sitzen aber oft lange vor dem Fernseher oder dem Laptop. Kinder merken, ob Regeln für alle gelten.
Wer weniger Zeit am Bildschirm verbringt, braucht Ideen, was stattdessen Freude macht. Eine kleine Ideensammlung kann helfen, weil Kinder vielleicht erst mal nicht wissen, was sie ohne Gerät tun könnten. Im Kinderzimmer kann gemeinsam eine Ecke eingerichtet werden, die für anderes steht: basteln, zeichnen, ein Buch lesen, ein Instrument spielen. So werden Alternativen greifbar.
Bei älteren Kindern lohnt es sich, gemeinsam einen Blick hinter die Kulissen zu werfen. Eine Dokumentation über soziale Medien kann der Ausgangspunkt sein, um über die Mechanismen zu sprechen, wie ganze Forschungsteams bei Diensten wie TikTok oder Instagram daran arbeiten, Nutzerinnen und Nutzer möglichst lange online zu halten. Das zu verstehen hilft auch, bewusster mit den Diensten umzugehen.
Ein digitaler Reset ist damit vor allem eines: eine Einladung, den eigenen Medienalltag immer wieder gemeinsam zu prüfen und Schritt für Schritt anzupassen.
Bettina Bichsel ist Journalistin und Texterin. Sie schreibt und bloggt unter anderem für Jugend und Medien.
Letzte Aktualisierung des Textes am 30.01.26