Blogbeitrag
Mein Sohn und seine drei (ehemals) engsten Freunde kannten sich ewig: Den einen Bub seit Geburt, die anderen kamen im Kindergarten und der Primarschule dazu. Unsere Familien wohnen nahe und die Kinder bauten zusammen Kanalsysteme im Sandkasten, fuhren stundenlang auf ihren Microscootern, kletterten auf jeden Baum im Quartier, veranstalteten PPPs – Pyjama-Pizza-Partys. Auch wir Eltern kennen uns gut, essen zusammen Znacht oder reisten auch schon gemeinsam in die Ferien.
Mit dem Ende der Primarschule und dem Beginn der Pubertät entwickelten sich die vier allerdings in unterschiedliche Richtungen. Mein Sohn war weiterhin am liebsten draussen unterwegs, die anderen trafen sich immer häufiger im Einkaufszentrum oder zum gemeinsamen Gamen. Sie fanden meinen Sohn zu vernünftig, er sie zunehmend langweilig und oberflächlich. Es kam zu Reibereien, die gemeinsamen Nachmittage wurden seltener. Eine gewisse Grundsympathie schien aber geblieben zu sein. Dachte mein Sohn und dachte auch ich.
Was die vier weiterhin verband, war der gemeinsame Schulweg. Jeden Morgen schrieb jemand kurz in den Gruppenchat: «Heute erst 7.45 Uhr, ok?» Oder: «Treffen wir uns unter dem Vordach, es regnet so fest.»
Eines Morgens wollte mein Sohn wie gewohnt fragen, wann sie loslaufen. Dabei stellte er fest, dass nur noch er in der Gruppe war. Die anderen drei waren gleichzeitig ausgetreten und hatten einen neuen Chat eröffnet. Ohne ihn. Einer der Jungs hatte ihn sogar blockiert. Als er später nachfragte, hiess es bloss, den Chat brauche es nicht mehr.
Mein Sohn wusste nicht, was los war. Aus seiner Sicht war nichts vorgefallen. Und auf eine Art war auch jetzt nichts vorgefallen: Niemand hatte ihn beschimpft oder ihm geschrieben, dass sie ihn nicht mehr dabei haben wollen. Trotzdem war die Botschaft ziemlich klar.
Beim Begriff Ghosting denken viele zuerst an Dating. Dabei können auch Freundschaften auf diese Weise enden, gerade unter Jugendlichen.
Eine neue Chatgruppe ist in wenigen Sekunden erstellt, eine Person wird einfach nicht mehr hinzugefügt. Verabredungen werden nur noch im neuen Chat getroffen. Storys oder Beiträge werden nur noch mit bestimmten Freund*innen geteilt. Manchmal erfährt man erst über ein Foto oder ein Video auf Social Media, dass sich die anderen genau wie früher getroffen haben, man selbst aber nicht eingeladen war. Dieselben Orte, dieselben Aktivitäten – aber eine Person weniger.
Kann Ghosting auch Cybermobbing sein? Klar, nicht jede unbeantwortete Nachricht und nicht jede zu Ende gehende Freundschaft ist Mobbing. Aber was ist, wenn mehrere Jugendliche den Ausschluss eines Gruppenmitglieds miteinander abstimmen? Kann auch die demonstrative Verweigerung von Kommunikation Cybermobbing sein – ganz ohne beleidigende Kommentare auf Social Media und Demütigung im Klassenchat?
Ich würde diese Frage heute mit Ja beantworten. Wenn der digitale Ausschluss gezielt, wiederholt und gemeinsam organisiert wird, kann auch Schweigen dazu dienen, eine Person herabzusetzen und aus der Gruppe zu drängen. Gerade weil dabei oft nichts ausdrücklich Verletzendes geschrieben wird, ist es für die betroffene Person schwer, das Erlebte zu benennen und sichtbar zu machen – und für Erwachsene ist es herausfordernd, darauf zu reagieren.
Später wurde das Cybermobbing offensichtlicher: Es wurden Sticker mit seinem Gesicht verschickt, über ihn gelästert und Chats eingerichtet, in denen er gedemütigt wurde. Ab diesem Zeitpunkt konnten wir die Vorfälle dokumentieren und in der Schule ansprechen. Glücklicherweise reagierte sie prompt und die Situation entspannte sich.
Heute hat mein Sohn neue Freunde gefunden. Jugendliche, mit denen ihn gemeinsame Interessen verbinden und bei denen er sich wohlfühlt. Die alten Freundschaften wären wahrscheinlich ohnehin nicht dieselben geblieben.
Trotzdem hätte er seine drei Kindheitsfreunde nicht ganz verlieren wollen. Den gemeinsamen Schulweg, einen spontanen Nachmittag in der Badi – das hätte er mit ihnen gerne weiterhin gemacht.
Vielleicht beschäftigt mich der leere Gruppenchat deshalb bis heute. Nicht, weil Freundschaften auseinandergehen. Das tun sie ständig und ist wohl gerade in diesem Alter auch normal. Aber diese Einseitigkeit, dieses Ungeklärte und wie einfach das heute möglich ist, gibt mir zu denken. Digitale Medien sind daran nicht schuld. aber sie machen es erschreckend einfach. Ohne Streit, ohne Auseinandersetzung kann eine Person gezielt und koordiniert aus der Gruppe ausgeschlossen werden. Sodass Betroffene irgendwann merken, dass das Leben der anderen längst weitergegangen ist – bloss ohne sie.
Auch wenn sich Freundschaften verändern und manchmal schmerzhaft zu Ende gehen – ein bewusster Ausschluss aus einer Chatgruppe oder einer Online-Community kann durchaus ein Merkmal von Cybermobbing sein. In jedem Fall ist eine solche Situation verletzend. Fragen Sie nach, was Ihr Kind braucht und welche Unterstützung es sich von Ihnen wünscht.
Beobachten Sie, ob es Anzeichen für eine grössere Dynamik gibt, Ihr Kind wiederholt ausgeschlossen, ignoriert, gezielt isoliert oder beleidigt und lächerlich gemacht wird – online wie offline. Auch Veränderungen wie Rückzug, Schlafprobleme, Schulunlust oder Niedergeschlagenheit können Hinweise darauf sein, dass die Belastung grösser ist.
Werden beleidigende Inhalte (Nachrichten, Fotos, Sticker) verbreitet, sollten Sie diese dokumentieren, beispielsweise mit Screenshots. Eine Ausnahme gilt bei sexualisierten Inhalten: Wenn Minderjährige abgebildet sind, können Sie sich mit Screenshots strafbar machen. Wenden Sie sich stattdessen direkt an die Polizei.
Mobbing – auch in seiner stillen Form – ist selten eine Sache zwischen zwei Personen, sondern meist ein Gruppenphänomen. Je nach Fall sollten Klassenlehrpersonen, Schulsozialarbeit, andere Fachstellen oder die Polizei einbezogen werden.
Ghosting oder ein stiller Ausschluss sind rechtlich meist schwer zu fassen. Sobald aber Beschimpfungen, Blossstellungen oder Drohungen dazukommen, greifen bestehende Straftatbestände. Gemeinsam mit der Schulsozialarbeit oder einer Opferhilfe-Beratungsstelle können Sie abwägen, ob Sie Strafanzeige einreichen möchten.
Unterstützen Sie Ihr Kind dabei, neue Kontakte zu finden – etwa über Hobbys, Sport oder andere Gruppen. Ein neues Umfeld, in dem es sich wohlfühlt und ernst genommen wird, hilft, wieder positive soziale Erfahrungen zu machen und das Selbstvertrauen zu stärken.
Noëmi Pommes ist Medienschaffende und zweifache Mutter, setzt sich beruflich und privat für Inklusion und Diversität ein, regt sich auf über Ungleichbehandlung und Starrköpfigkeit und kompensiert mit Fritten, Singen und Campen im VW-Bus. Zum Schutz ihrer Kinder schreibt sie hier unter einem Pseudonym.
Letzte Aktualisierung des Textes am 22.09.26
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