Blogbeitrag
Körperliche Veränderungen, Fragen zur eigenen Identität, zu Sexualität, Attraktivität und Beziehung – all das beschäftigt Jugendliche. In digitalen Räumen suchen sie genauso wie im alltäglichen Umfeld nach Antworten, Vorbildern und Zugehörigkeit. Das kann bestärkend sein, wird aber dann problematisch, wenn überholte Rollenbilder, Geschlechterstereotype und sexistische Inhalte Orientierung versprechen. Für Schule, Jugendarbeit und Beratung stellt sich damit eine zentrale Frage: Wie können Gespräche entstehen, die Jugendliche ernst nehmen, ohne problematische Inhalte zu verharmlosen? Wie lässt sich eine klare Haltung zeigen, ohne pauschal zu verurteilen?
Problematische Inhalte beginnen nicht immer mit offener Frauenfeindlichkeit oder Gewaltverharmlosung. Und Heranwachsende, denen manipulative Aufreiss-Tipps oder vermeintliche Erfolgsrezepte für mehr Selbstbewusstsein imponieren, müssen nicht explizit danach gesucht haben.
Vielmehr können Orientierungssuche, Selbstzweifel oder Gefühle von Einsamkeit Ausgangspunkt sein. Oder Fragen, die zur Pubertät dazugehören: Wie wirke ich auf andere? Was macht mich attraktiv? Wie kann ich selbstbewusst werden? Was bedeutet es, ein Mann/eine Frau zu sein? Wie gehe ich mit Unsicherheit oder Zurückweisung um? Manchmal finden Jugendliche den Einstieg über Themen wie Fitness, Lifestyle, Selbstoptimierung oder Dating. Und gerade in sozialen Netzwerken werden einfache Antworten auf komplizierte Fragen präsentiert. Sie ordnen die Welt scheinbar klar: stark oder schwach, männlich oder weiblich, erfolgreich oder wertlos, begehrt oder abgelehnt.
Die Manosphere bezeichnet ein loses Netzwerk von Webseiten, Blogs, Foren und Social-Media-Kanälen, die sich primär mit Männer- und Männlichkeitsthemen befassen. Das verbindende Element ist ein ausgeprägt antifeministisches, frauenverachtendes Weltbild. Die Bewegung vertritt das Narrativ, dass Männer durch Gleichstellung und gesellschaftlichen Wandel benachteiligt würden. Sie propagiert starre, dominante Männlichkeitsbilder, die Ablehnung von Gleichberechtigung und teils offene Frauenfeindlichkeit (Misogynie). Zu den zentralen Subkulturen und Phänomenen gehören:
Radikale Männerrechtler (Men’s Rights Activists/MRA): Vertreten das Narrativ, dass Männer die eigentlichen Opfer von Gleichstellungspolitik und weiblicher Bevorzugung seien.
Verbitterte Männergemeinschaften («Men Going Their Own Way»/MGTOW): Propagieren den vollständigen gesellschaftlichen und Beziehungsrückzug von Frauen aus Enttäuschung oder Feindseligkeit.
Incels: Unfreiwillig zölibatäre Männer (Involuntary Celibates), die Frauen für die eigene Isolation verantwortlich machen und teils gewaltlegitimierende Haltungen vertreten.
Manipulative Aufreiss-Taktiken («Pick-up-Artists»/PUA): Anleitungen zur gezielten psychologischen Beeinflussung, Verführung und Machtausübung gegenüber Frauen.
Sigma-Male-Narrative: Erzählungen über Männer, die angeblich ausserhalb gesellschaftlicher Regeln stehen, emotional unnahbar, extrem fokussiert und allen überlegen sind.
Tradwife-Ästhetiken: Social-Media-Trends, die ein romantisiertes Klischeebild der unterwürfigen Hausfrau als Gegenentwurf zur Moderne inszenieren.
Anhaltspunkte, weshalb solche Inhalte anziehend wirken, finden sich in der Studie «Männlichkeit im Wandel» der Universität Zürich, die in Zusammenarbeit mit männer.ch, dem Dachverband Schweizer Männer- und Väterorganisationen, entstanden ist. Sie verweist auf widersprüchliche Erwartungen an junge Männer: Während in sozialen Medien und unter Gleichaltrigen traditionelle Vorstellungen von Stärke und Dominanz vermittelt werden, werden diese von Erwachsenen häufig kritisiert. Unterstützung dabei, den eigenen Weg zwischen unterschiedlichen Männerbildern zu finden, fehlt jedoch oft. Die Manosphere stösst damit in eine Lücke – und bietet vermeintlich klare Antworten auf die Frage, was einen Mann ausmacht.
Die Studie zeigt auch, dass restriktiv-dominante Vorstellungen von Männlichkeit in der Schweiz besonders bei jungen Männern verbreitet sind. Beschrieben wird ein sogenannter «Faktor M»: ein Bündel von Einstellungen, zu dem unter anderem die Sorge um den Bedeutungsverlust traditioneller Männlichkeit, gewaltlegitimierende Männlichkeitsnormen, Sexismus und Queerfeindlichkeit gehören. Die Studie kommt zum Schluss, dass 31 % der 18- bis 24-jährigen Männer in der Schweiz diesbezüglich hohe Werte aufzeigen und entsprechend einer Hochrisikogruppe zugeordnet werden. Diese Gruppe wird als besonders gefährdet eingeschätzt, problematisches oder gar strafrechtlich relevantes Verhalten zu zeigen (z. B. Gewalt, Hassrede, Diskriminierung, Radikalisierung). Fast die Hälfte der jungen Männer gab zudem an, das Gefühl zu haben, «echte Männer» würden zunehmend an den Rand der Gesellschaft gedrängt.
Für Schule und Jugendarbeit leiten die Forschenden daraus einen klaren Handlungsbedarf ab. Geschlechterrollen und Männlichkeitsvorstellungen sollten frühzeitig thematisiert werden – nicht erst, wenn problematische Haltungen oder Verhaltensweisen sichtbar werden. Dabei gehe es nicht darum, Jungen pauschal zu problematisieren, sondern ihnen unterschiedliche Möglichkeiten aufzuzeigen, wie sie ihre männliche Identität gestalten können. Die Studie empfiehlt zudem altersgerechte, nicht moralisierende Angebote, die Jugendlichen helfen, digitale Männlichkeitsbilder kritisch zu hinterfragen und Manipulationen zu erkennen.
Soziale Netzwerke wie TikTok oder Instagram zeigen Inhalte nicht zufällig. Sie sind so gestaltet, dass Nutzerinnen und Nutzer möglichst lange bleiben, weiterklicken, reagieren und zurückkommen. «Die Plattformen wollen, dass du dabei bleibst«, sagt Morgane Bonvallat, Head of Civil Society bei der Public Discourse Foundation, und macht deutlich: «Um das zu erreichen, braucht es starke Emotionen. Im Negativen ist das beispielsweise Wut oder Empörung. Inhalte, die mich aufwühlen und wütend machen, sorgen dafür, dass ich mich länger auf der Plattform bewege – und die Betreiber verdienen damit Geld.»
So kann es sein, dass aus den ursprünglich gesuchten Fitness- oder Dating-Tipps eine algorithmische Spirale aus frauenfeindlichen oder radikalen Inhalten wird.
Für die Arbeit mit Jugendlichen ist dieser Punkt zentral. Wer versteht, wie Plattformen Aufmerksamkeit steuern, kann eigene Feeds besser einordnen. Warum sehe ich immer wieder ähnliche Videos? Warum wird mir ein bestimmtes Männerbild, Körperideal oder Beziehungsbild ständig vorgeschlagen? Was passiert, wenn ich solche Inhalte anschaue, kommentiere oder weiterleite? Und wie kann ich selbst beeinflussen, was mir angezeigt wird?
Hass und sexistische Kommentare können im Netz so wirken, als seien sie überall. Für Jugendliche mag dadurch der Eindruck entstehen: Viele denken so. Viele finden das normal.
Tatsächlich zeigen aber Zahlen, dass Hass im Netz kein gesellschaftlicher Konsens ist, sondern das Produkt weniger Vielposter. Morgane Bonvallat verweist dazu auf Auswertungen aus der Arbeit von Stop Hate Speech, einem Projekt der Public Discourse Foundation: «Fünf Prozent der Nutzenden veröffentlichen etwa 80 Prozent der hasserfüllten Inhalte. Eine sehr kleine Gruppe ist also für die Mehrheit der Hassinhalte verantwortlich.»
Was Jugendliche daraus lernen können: Wie verzerrt die Wahrnehmung im Netz ist, wenn eine kleine, aber hochaktive Minderheit den Diskurs diktieren kann. Und auch hier wirken die Plattformen mit, indem sie extremen Positionen eine digitale Megafon-Wirkung verleihen.
Diese Mechanismen machen deutlich: Jugendliche bewegen sich in einem komplexen Spannungsfeld aus eigenen Entwicklungsfragen, kommerziellen Plattforminteressen und künstlich verstärkten Extrempositionen. Wer dieses Gefüge versteht, erkennt schnell, warum pauschale Verbote, die Verurteilung einzelner Influencer oder die Warnung vor fragwürdigen Trends kaum ans Ziel führen – sie verstärken oft nur das Gefühl der Jugendlichen, von Erwachsenen nicht verstanden zu werden.
Entscheidend für eine wirksame Prävention ist eine professionelle Haltung, die die Orientierungssuche Heranwachsender ernst nimmt, Plattformlogiken durchschaubar macht und Räume für reflektierte Beziehungsarbeit öffnet.
Letztlich geht es darum, die Jugendlichen in ihren Bedürfnissen und Unsicherheiten abzuholen und mit ihnen darüber zu sprechen, warum Inhalte wirken, welche Gefühle sie ansprechen und welche Vorstellungen von Geschlecht, Beziehung und Macht sie transportieren.
Ein guter Einstieg ist immer Neugier: In der Schule oder der offenen Jugendarbeit kann darüber gesprochen werden, welche Inhalte gerade kursieren, welche Influencer*innen sie sehen, welche Begriffe in ihrer Gruppe verwendet werden oder warum ein bestimmter Trend attraktiv wirkt. Solche Fragen öffnen eher ein Gespräch als schnelle Bewertungen:
Wer oder was inspiriert dich online gerade am meisten?
Was spricht dich daran an?
Welche Gefühle löst das aus?
Was bedeutet für dich eine gleichberechtigte Beziehung – und deckt sich das mit dem, was du online siehst?
Wer wird stark dargestellt – und wer wird abgewertet?
Welche Vorstellung von Männlichkeit oder Weiblichkeit wird hier gezeigt?
Gleichzeitig braucht es klare Grenzen. Ein sexistisches Meme darf nicht einfach als lustig abgetan werden. Ein Nein gilt auch im Chat. Druck, Manipulation und Kontrolle haben nichts in einer Beziehung verloren. Und Männlichkeit wird nicht über Dominanz, Härte oder die Abwertung anderer definiert.
Jugendliche können ausserdem lernen, dass sie Algorithmen nicht ausgeliefert sind. Sie können Inhalte überspringen, blockieren, melden, Accounts entfolgen und bewusst nach Alternativen suchen, die ihnen guttun oder andere Perspektiven eröffnen. Medienkompetenz bedeutet hier auch: den eigenen digitalen Raum aktiv mitzugestalten.
Und schliesslich sind Solidarität und Zivilcourage wichtig. Das bedeutet, Betroffene zu unterstützen, Grenzen in Gruppenchats zu setzen und hasserfüllte oder grenzüberschreitende Inhalte zu melden. Dabei müssen Jugendliche nicht alleine vorgehen. Sie sollten sich Unterstützung von Erwachsenen holen oder könne sich an anonyme Beratungs- und Meldungsstellen wenden.
Bettina Bichsel ist Journalistin und Texterin. Sie schreibt und bloggt unter anderem für Jugend und Medien.
Letzte Aktualisierung des Textes am 25.10.26