Blogbeitrag
Eine Szene, die wahrscheinlich alle Eltern schon erlebt haben: Das Kind spielt ein Game am Tablet oder schaut die Lieblings-Trickfilmserie, ist versunken, konzentriert, glücklich. Dann kommt der Moment, in dem es aufhören soll – und der Sturm bricht los: Tränen, Wut, Geschrei.
Bei Kindern mit ADHS passieren solche Ausbrüche häufiger und intensiver. Gerade digitale Medien führen oft zu Streit. Immer wieder kommt es zur selben Diskussion, bis hin zur Eskalation. Für die ganze Familie wird das zur Belastung. Und oft fragen sich Eltern: Was machen wir falsch? Wie können wir unser Kind besser unterstützen? Was für Regeln braucht es und wie gelingt es, sie auch umzusetzen?
Dieser Beitrag ist der Auftakt zu unserer neuen Mini-Serie «Neurodivergenz und digitale Medien». Denn nicht jedes Gehirn funktioniert gleich – und das hat Auswirkungen darauf, wie Kinder und Jugendliche digitale Medien erleben und nutzen. Wir werden an dieser Stelle verschiedene Formen der Neurodivergenz beleuchten (ADHS, Dyslexie, Autismus, Hochsensibilität). Es geht um damit verbundene Herausforderungen im Familienalltag, aber auch um Chancen für Heranwachsende ausserhalb des neurotypischen Bereichs.
Christiane Willemeit ist mit diesen Fragen, die Eltern umtreiben, bestens vertraut. Seit anderthalb Jahren leitet sie bei Pro Juventute Online-Informationsveranstaltungen für Eltern von Kindern mit ADHS. Jedes Mal sind bis zu 100 Mütter und Väter dabei – das Thema beschäftigt viele. Zu hören, dass sie mit ihrem Erleben, ihren Zweifeln und Sorgen nicht alleine sind, ist hilfreich. Genauso wie zu verstehen, warum digitale Medien und ADHS zu einem explosiven Cocktail werden können.
ADHS betrifft den Dopaminhaushalt im Gehirn. Dopamin ist jener Botenstoff, der mit Motivation, Belohnung und Antrieb zusammenhängt. Bei Kindern mit ADHS ist dieses System aus dem Gleichgewicht geraten: Sie brauchen regelmässige, schnellere Reize, die Dopamin auslösen, um aktiviert zu bleiben.
Digitale Medien stillen diesen Dopamin-Hunger in besonderem Masse: Ein Level ist geschafft, ein Clip endet, der nächste startet. All das sorgt für rasche Impulse im Gehirn in sehr kurzen Abständen und ohne natürliches Ende. Sich dem zu entziehen, wird für Kinder und Jugendliche mit ADHS zur besonderen Herausforderung, wie Christiane Willemeit erklärt: «Mit fehlender Selbstregulierung ist es viel schwieriger, aufzuhören oder Regeln einzuhalten. Hinzu kommt die erschwerte Impulskontrolle, was deutlich öfter zu Konflikten führt.»
Eine Frage, die Eltern immer wieder beschäftigt: Können Bildschirme ADHS verursachen? Die klare Antwort der Wissenschaft: Nein. Aber es gibt Wechselwirkungen: Einerseits kann ADHS ein Risikofaktor sein, wenn es um die Entwicklung einer problematischen Mediennutzung geht. Andererseits können digitale Medien ADHS-Symptome verstärken. «Gerade wenn digitale Medien unstrukturiert, ohne Pausen und unbegleitet stattfinden, können sie Symptome wie Unaufmerksamkeit, Unruhe und Impulsivität verstärken», so Christiane Willemeit.
Das bedeutet nicht, dass Kinder mit ADHS gar keine Bildschirmmedien nutzen sollten. Und im Grunde unterscheidet sich das, was in Familien mit ADHS-Kindern helfen kann, gar nicht gross von dem, was auch für andere Kinder gilt.
Nach der Nutzung von digitalen Medien fällt die Dopaminausschüttung abrupt weg. Im Gehirn entsteht dann ein emotionales Vakuum, das sich wie ein Kater anfühlt. Andere Aktivitäten erscheinen langweilig, entsprechend reagieren Kinder und Jugendliche lustlos, verzweifelt oder wütend. Um das zu vermeiden, hilft es, Übergänge entspannter zu gestalten. Einige Empfehlungen von Christiane Willemeit:
Anstatt lange Zeiten am Stück zu erlauben, sind kleinere Abschnitte (z. B. 20 Minuten oder eine Folge) oft besser. So lernen Kinder immer wieder die Abgrenzung und Dopaminüberschüsse können verhindert werden.
Das abrupte Ende ist einer der häufigsten Auslöser für Wutanfälle. Eine Zwischenansage – «Du, in 10 Minuten ist dann fertig» – gibt dem Kind die Chance, sich innerlich auf den Abbruch vorzubereiten.
Nach einem aufregenden Spiel hilft ein Übergang mit etwas Ruhigerem. Das hilft dem Gehirn, langsam «runterzufahren».
Planen Sie für nach der Bildschirmzeit etwas Schönes ein, das das Kind motiviert, das Gerät wegzulegen.
Kinder mit ADHS profitieren besonders davon, wenn sie Regeln mitgestalten können. Wenn sie mitbestimmen können, stärkt diese Autonomie auch die eigene Motivation. Eltern können dann beispielsweise im Anschluss fragen, wie es gegangen ist, was wiederum die Selbstreflexion fördert.
Gamen oder Fernsehen sollte wenn immer möglich nicht die erste Option sein, wenn das Kind nach Hause kommt. Besser werden zuerst andere Dinge gemacht wie Hausaufgaben, Hobbys oder andere Aktivitäten.
Was Eltern von Kindern mit ADHS manchmal besonders erschöpft: Sie tun das alles und trotzdem klappt es nicht. Dranzubleiben, ist darum besonders wichtig. Denn anders als bei neurotypischen Kindern dauern Verhaltensänderungen bei Kindern mit ADHS oft länger. Manchmal braucht es Monate an Geduld, Wiederholung und liebevoller Begleitung, bis sich neue Routinen etablieren.
Wenn die täglichen Eskalationen den Familienalltag massiv belasten, die Schule oder Hobbys leiden oder der Schlaf gestört ist, sollten Sie sich nicht scheuen, Unterstützung zu suchen.
Nächstes Mal in unserer Serie «Neurodivergenz und digitale Medien»: Dyslexie und Dyskalkulie. Wo liegen die besonderen Herausforderungen im Medienalltag und welche Chancen bieten digitale Medien?
Bettina Bichsel ist Journalistin und Texterin. Sie schreibt und bloggt unter anderem für Jugend und Medien.
Letzte Aktualisierung des Textes am 18.05.26