Blogbeitrag
«Mama, schau mal diesen Kommentar an.» Meine Tochter sitzt neben mir auf dem Sofa und hält mir ihr Handy hin. Unter einem harmlos wirkenden Video stehen Zahlenkombinationen, Emojis und Begriffe, die ich nicht verstehe. Sie schon. Rechtsextreme Codes. Manche ziemlich offen, andere eher versteckt.
«Solches Zeug kommt ständig rein», sagt sie. Ich erschrecke und frage, ob sie wisse, weshalb. Angefangen habe alles wegen einer veganen Influencerin, der sie eine Zeit gefolgt sei, erzählt sie. Irgendwann habe sie sich über deren Radikalität genervt und angefangen, Videos von Leuten anzuschauen, die sich über sie lustig machten. Erst später habe sie gemerkt, dass viele dieser Accounts politisch weit rechts standen.
TikTok lernte schnell mit. Bald tauchen auf ihrer For-You-Page Videos auf, die sie verstörten: Hitler-Verherrlichung, SS-Bezüge, Gewaltfantasien gegen ausländische Menschen. Videos von überfüllten Schlauchbooten mit Kommentaren darunter, wen man «zurückschicken» oder noch besser: töten müsse! Männer, die von einem «Tag X» sprechen und davon, sich mit Schiesstrainings im Ausland darauf vorzubereiten.
Meine Tochter setzt ihre For-You-Page regelmässig zurück, damit der Algorithmus wieder bei null beginnt. So ganz verschwinden die Inhalte trotzdem nie. Vermutlich auch deshalb, weil sie manchmal eben doch hängen bleibt. Nicht aus Zustimmung, sondern aus dieser Mischung aus Schock, Neugier und Faszination, die sie selbst schwer erklären kann. «Es ist wie bei einem Unfall», sagt sie. «Eigentlich will man wegsehen, aber man schaut trotzdem hin.»
Abstossend findet sie oft auch, wie sich die Mädchen in der Bubble in Szene setzen: Junge Frauen in ästhetischen Videos, die sich schminken, Outfits präsentieren und zu Liedern lipsyncen oder tanzen, die in rechtsextremen Kreisen beliebt sind. Manche Songs sind offen rechtsradikal, andere patriotisch und voller Sehnsucht nach einer angeblich besseren früheren Zeit. Darunter kommentieren männliche User das Aussehen der Mädchen: «Schöne weisse Frauen», seien sie, «reine europäische Schönheiten» oder «wahre Göttinnen». «In dieser TikTok-Bubble bewegen sich vor allem Jungs», sagt meine Tochter. «Unter den wenigen Videos von Mädchen entwickelt sich immer sofort eine Art Datingmarkt.»
Sie muss nicht lange suchen, um mir zu zeigen, was sie meint. Egal ob von Jungs oder Mädchen – die Videos sehen oft aus wie gewöhnlicher TikTok-Content: Musik, Styling, schnelle Schnitte, Memes. Ihre politischen Botschaften sind manchmal offen, manchmal ironisch oder absichtlich doppeldeutig. Der Extremismus ist dennoch deutlich.
Im Gespräch erzählt meine Tochter auch, dass sie zu Beginn ihrer Pubertät empfänglicher war für die klaren Vorstellungen von «normal» oder «richtig», die diese Videos transportieren. Etwa wenn Queerness abgewertet wurde. Heute glaubt sie, dass das auch mit ihrer eigenen Suche nach Identität zu tun hatte, mit ihren Fragen rund um Gender, Liebe und Sexualität und ihren vielen Unsicherheiten. Mit rechtsextremer Ideologie habe sie nie etwas anfangen können, versichert sie sofort. «Wenigstens das», denke ich.
Je länger wir reden, desto stärker beschäftigt mich, wie häufig rechtsextreme Inhalte im Feed auftauchen und wie selbstverständlich sich ihre Urheber*innen auf Social Media heute bewegen. Nicht anonym in versteckten Foren, sondern öffentlich, nahbar oder gar einnehmend. Dass rechtsextreme User*innen mit Gesicht und zum Teil mit Klarnamen posten, fällt auch meiner Tochter auf. Es sei erschreckend, wie normal vieles geworden ist. Wie schnell sie sich an Begriffe, Bilder und Aussagen gewöhnt, die sie vor ein paar Jahren noch schockiert hätten.
Hinnehmen möchte sie das nicht. Besonders krasse Videos, etwa wenn offen Gewaltfantasien formuliert werden, meldet sie immer wieder bei TikTok. «Aber meist kommt einen Tag später die Antwort, dass der Inhalt keine Richtlinie verletze.» Das sei entmutigend.
Nach unserem Gespräch wischt sie weiter durch TikTok. Tanzvideos. Schminktipps. Ein lustiger Hund. Dann wieder ein Video mit eindeutigen Codes in den Kommentaren. Der Übergang: Kaum spürbar.
Plattformen wie TikTok, Instagram oder YouTube zeigen nicht zufällig Videos oder Beiträge an. Algorithmen merken sich, was angeschaut, geliked, geteilt oder lange betrachtet wird. Daraus entsteht ein persönlicher Feed, also die individuelle Übersicht mit Beiträgen, Videos oder Nachrichten, die einem in der App angezeigt werden.
Eine Filterblase entsteht, wenn jemand vor allem Inhalte sieht, die zu den eigenen Interessen, Meinungen oder bisherigen Klicks passen. Problematisch wird das, wenn dadurch die eigene Meinung ständig bestätigt wird und andere Perspektiven kaum noch vorkommen. Besonders kritisch wird es, wenn dabei auch abwertende oder extremistische Inhalte häufiger vorgeschlagen werden.
Schauen Sie sich Inhalte gemeinsam an und regen Sie zum Nachdenken an: «Warum glaubst du, wird dir gerade dieses Video vorgeschlagen? Kennst du auch andere Meinungen dazu?» Wichtig ist auch, sich klarzumachen, wer einen Beitrag erstellt hat und welches Ziel dahinterstehen könnte: Geht es darum zu informieren? Möchte jemand Aufmerksamkeit erregen, beeinflussen oder provozieren?
Algorithmen kann man durchbrechen. Bei TikTok lässt sich der «Für dich»-Feed zurücksetzen, bei Instagram können vorgeschlagene Inhalte in den Inhaltspräferenzen neu gestartet werden. Eine andere Möglichkeit ist es, den Algorithmus bewusst zu trainieren: ungewollte Inhalte mit «Interessiert mich nicht» markieren, unerwünschte Videos schnell weiterscrollen, alte Likes prüfen, Accounts entfolgen oder stummschalten und gezielt nach anderen Themen suchen. Ausserdem kann es helfen, regelmässig den Cache zu leeren sowie Suchanfragen und angesehene Videos im Aktivitätenverlauf zu löschen.
Wenn Inhalte beleidigend, gewaltverherrlichend, extremistisch, diskriminierend oder offensichtlich falsch sind, sollten sie bei den Plattform-Betreibern gemeldet werden. Ausserdem gibt es Online-Meldestellen.
Ermutigen Sie Ihr Kind, verschiedene Quellen zu nutzen: Nachrichtenangebote, Bücher, Podcasts. Unterschiedliche Quellen helfen dabei, die Perspektive zu weiten, Informationen besser zu vergleichen und sich eine eigene Meinung zu bilden. Interessieren Sie sich dafür, was Ihr Kind online sieht und was es spannend findet. So bleiben Sie ansprechbar, wenn Fragen oder Probleme auftauchen.
Unser Blog verabschiedet sich in die Sommerpause. Wir wünschen Ihnen eine gute Zeit: sonnige Tage, ausreichend Abkühlung und erholsame Momente. Nach der Pause sind wir gerne wieder für Sie da.
Noëmi Pommes ist Medienschaffende und zweifache Mutter, setzt sich beruflich und privat für Inklusion und Diversität ein, regt sich auf über Ungleichbehandlung und Starrköpfigkeit und kompensiert mit Fritten, Singen und Campen im VW-Bus. Zum Schutz ihrer Kinder schreibt sie hier unter einem Pseudonym.
Letzte Aktualisierung des Textes am 14.07.26