Blogbeitrag
Zweieinhalb Jahre ist es her, dass ich unser Auto auf den Parkplatz der psychiatrischen Klinik steuerte und wir Eltern gemeinsam mit unserer damals 13-Jährigen Tochter zum Empfang gingen. Ich weiss noch gut, wie schwer mein Herz war, als ich an dem ehrwürdigen Gebäude hoch schaute und hinüber zu dem Trakt, in dem die Kinder und Jugendlichen und bald auch mein Mädchen wohnten.
Wir waren hier, weil wir zuhause nicht mehr weiter wussten. Unsere autistische Tochter befand sich tief in einer Depression und verbrachte ihre Tage fast ausschliesslich in ihrem Zimmer, auf ihrem Bett, mit dem Handy und dem iPad in der Hand und den Kopfhörern im Ohr. Freund*innen treffen, Hobbys, Familienaktivitäten und der Schulbesuch waren zu einer immer grösseren Herausforderung geworden, bis fast gar nichts mehr ging. Die Hoffnung, dass man ihr in der Klinik helfen könnte, wieder mehr Lebensfreude und eine Tagesstruktur zu finden, war gross.
Doch gleichzeitig wussten wir, wie schnell unsere Tochter auch überfordert und überreizt ist von zu vielen Menschen, Geräuschen, Gerüchen, als unüberwindbar wahrgenommenen Anforderungen oder spontanen Planänderungen. Wie wichtig es dann für sie ist, dass sie in ihr Zimmer gehen, ihre Musik hören und ihre einfachen Tier- und Einrichtungsgames spielen kann – im Wissen, dass Mama oder Papa jederzeit da sind, falls sie uns braucht. Kann sie sich nicht zurückziehen, beruhigen und regulieren, drohen Panikattacken, Tränen, Schreie und eine tagelange Kraftlosigkeit. Würde man ihr in der Klinik genügend Sicherheit und Rückzug bieten können?
Beim Gespräch mit der Ärztin und den Sozialarbeitenden konnten wir viele Fragen klären und etwas aufatmen. Wir erhielten die Zusicherung, dass unsere Tochter ein Einzelzimmer beziehen und sich oft darin ausruhen kann. In Bezug auf die Smartphonenutzung war die Klinikleitung restriktiver. Für 13-Jährige galt (damals):
Das Handy darf täglich 45 Minuten und nur zwischen 12 und 20 Uhr genutzt werden.
Das Handy darf nur in den allgemein zugänglichen Räumen genutzt werden, nicht in den Zimmern der Jugendlichen.
Dazwischen wird das Handy von den Mitarbeitenden weggeschlossen.
Musikhören ist ausserhalb dieser Zeiten nur auf nicht-internetfähigen Geräten erlaubt.
Wir überlegten lange, wie man das hohe Bedürfnis unseres Mädchens, sich mit ihren digitalen Ritualen und Gesprächen mit uns Eltern zu beruhigen, in Einklang bringen könnte mit diesen für unser Kind zu restriktiven Handyregeln. «Wir können nicht einfach für ein Kind eine Extrawurst machen», argumentierte die Stationsleiterin verständlicherweise. «Sie ist an einem fremden Ort, ohne ihre Familie, ihren Bruder, ihre Haustiere und den wenigen Freundinnen, mit denen sie noch Kontakt hat», hielten wir dagegen. «Wenn sie auch ihr Handy kaum nutzen darf, steigert das nicht nur ihre Isolation, sondern man verweigert ihr auch noch ihr wichtigstes Regulationsinstrument.»
Schliesslich beendete unser Kind die Diskussion mit ihrer Begründung «Was für andere Autist*innen ein Begleithund ist, ist für mich mein Telefon. Wenn ich es nicht bei mir haben darf, kann ich meine Angst nicht überwinden und schaffe den Eintritt in die Klinik nicht. Sobald es mir besser geht, bin ich automatisch weniger am Handy.»
Wir Eltern wussten, dass das stimmte: Dass sie eine derart hohe Bildschirmzeit hatte, war nicht der Auslöser ihrer psychischen Krise, sondern ein Symptom. Ging es ihr besser, brauchte sie ihr Handy auch nicht ständig. An besonders guten Tagen hatte sie es sogar schon zuhause «vergessen» und draussen ohne Smartphone in der Tasche etwas unternommen. Nichtsdestotrotz hätten wir uns natürlich gewünscht, dass sie andere Tätigkeiten und Rituale findet, um sich zu beruhigen oder ihre hohe innere Anspannung abzuschütteln.
Beim Klinikeintritt sah ihre individuelle Vereinbarung schliesslich so aus:
In ihrem Zimmer durfte sie tagsüber ihr Telefon unbeschränkt benutzen, ausserhalb ihres Zimmers hatte das Telefon aber nichts verloren (vielleicht, damit die anderen Patient*innen nichts von ihrer Ausnahmeregelung mitbekamen).
Wenn Aktivitäten anstanden wie gemeinsame Mahlzeiten, Unterricht oder Therapie, blieb das Handy im Zimmer.
Nach 20 Uhr war nur noch die Offline-Nutzung erlaubt, zum Beispiel, um zum Einschlafen Musik oder einen Podcast zu hören.
Dreieinhalb Monate blieb unsere Tochter in der Klinik. Sie erinnert sich genau an die Zeit dort. «Mir war der Alltag auf der Station oft zu hektisch und ich war häufig alleine in meinem Zimmer. Ohne mein Handy wäre das die Hölle gewesen. Ich war sehr depressiv und hörte ständig Podcasts zu irgendwelchen Themen. Ich brauchte diese Stimmen. Mit meinen düsteren Gedanken im Kopf alleine zu sein, hätte ich nicht ausgehalten.» Ein weiterer Vorteil sei gewesen, dass sie uns jederzeit anrufen konnte, um uns ihre Sorgen und Gedanken zu schildern oder durch unsere Erzählungen weiterhin ein bisschen am Familienalltag teilzunehmen. Auch mit ihren Freundinnen, die sich einen Besuch in der Klinik zum Teil nicht zutrauten, konnte sie so den Kontakt halten. «Zum Einschlafen hörte ich immer Musik oder Hörspiele. Einmal kam die Nachtschicht rein und hat mir im Schlaf die Kopfhörer und das Handy abgenommen, weil sie nichts von meiner Sonderregelung wusste. Beim Aufwachen hatte ich direkt Panik.»
Der Umgang mit digitalen Geräten in stationären Einrichtungen der Jugendhilfe und Jugendpsychiatrie steht im Fokus des Forschungsprojektes re:connect. Die daraus entstandene Broschüre «Jugendliche (auch) im digitalen Raum begleiten» bietet Praxisanregungen für die (sozial)pädagogische Arbeit. Sie ist am Ende dieses Beitrags verlinkt.
Während die individuelle Vereinbarung für mein Kind gut funktioniert hat – auch mit den Mitpatient*innen gab es nie Streit deswegen –, hätten die anderen Jugendlichen unter den allgemeinen Handyregeln gelitten, erinnert sie sich. «Langeweile und Isolation vom Alltag, von der Schule und den Freund*innen waren ein Dauerthema. Wenn man in den Gruppenchats nicht mit den Kolleg*innen zuhause mitschreiben und mitlesen kann oder nicht mitbekommt, was auf der Welt, im Dorf oder auf Social Media passiert, ist man noch mehr weg vom Fenster als ohnehin schon.» Dazu kam, dass manche Kinder ihre Eltern während den offiziellen Handyzeiten nicht anrufen konnten, weil diese lang arbeiten mussten. «Dann durfte man das Telefon der Station benutzen. Aber damit war man weniger flexibel und hatte weniger Privatsphäre als mit dem eigenen Smartphone. Für viele war das eher eine Notlösung.»
Für mich als Mutter bleibt ein gemischtes Fazit zurück: Einerseits gibt es sicher Jugendliche mit einer sehr problematischen, suchtähnlichen Nutzung, die von den Regeln der Klinik profitieren oder die durch die strengen Regeln abgeschirmt werden können vor gewaltvollen, extremistischen Inhalten oder schädigenden Kontakten. Andererseits werden die Jugendlichen an jedem Wochenende zur «Belastungserprobung» nach Hause geschickt, wo dann wieder die alten oder gar keine Regeln gelten und sie auf Menschen treffen, deren Leben sich «normal» weiter dreht, während sie sich mehrheitlich in einem Offline-Paralleluniversum befinden. Das verstärkt den Bruch zwischen den beiden Welten. Und drittens befinden sich Heranwachsende in einer Phase, in der sie ihre Selbständigkeit stark ausbauen wollen und müssen. Da wirkt es in meinem Empfinden seltsam, dass in der Klinik so starre Regeln gelten und sie für Dinge um Erlaubnis fragen müssen, die zuhause längst in ihrer eigenen Entscheidungskompetenz liegen.
Für meine Tochter wäre ein Aufenthalt mit den geltenden Regeln nicht machbar gewesen und ich bin dankbar, dass für sie ein individuelles Setting gefunden werden konnte. Ich wünsche mir, dass diese Individualisierung keine Ausnahme bleibt.
Noëmi Pommes ist Medienschaffende und zweifache Mutter, setzt sich beruflich und privat für Inklusion und Diversität ein, regt sich auf über Ungleichbehandlung und Starrköpfigkeit und kompensiert mit Fritten, Singen und Campen im VW-Bus. Zum Schutz ihrer Kinder schreibt sie hier unter einem Pseudonym.
Letzte Aktualisierung des Textes am 14.01.26