Blogbeitrag
Wenn Menschen Gewalt angetan wird aufgrund ihres Geschlechts, ihrer sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität oder wenn Menschen eines bestimmten Geschlechts besonders häufig von Gewalt betroffen sind, spricht man von geschlechtsspezifischer Gewalt. Neu sind solche Taten nicht. Aber mit digitalen Kanälen und Technologien kommen neue Räume und Formen der Gewalt hinzu. Und: Intime Fotos, Hasskommentare oder mit KI generierte sexualisierte Bilder können im Netz beispielsweise schneller verbreitet werden, grössere Kreise ziehen und länger sichtbar bleiben, was bei den Betroffenen das Gefühl der Ohnmacht und des Ausgeliefertseins verstärkt.
Zudem sind Online- und Offline-Welten so eng miteinander verknüpft, dass digitale Gewalterfahrungen in den Alltag getragen werden. Wer online blossgestellt, bedroht, kontrolliert oder sexuell bedrängt wird, kann unter Angst, Stress, Schlafproblemen, Rückzug oder depressiven Symptomen leiden. Digitale Gewalt wirkt auf das Selbstbild, auf Freundschaften, Beziehungen und das Gefühl von Sicherheit.
Digitale geschlechtsspezifische Gewalt kann sehr unterschiedlich aussehen. Dazu gehören zum Beispiel:
Sexualisierte Nachrichten: Kommentare, Fragen oder Aufforderungen mit sexuellem Bezug, die unerwünscht sind oder Druck ausüben.
Ungefragt zugeschickte intime Aufnahmen: etwa Bilder oder Videos mit sexuellem Inhalt, die jemand ohne Zustimmung erhält.
Cybergrooming: Erwachsene erschleichen sich das Vertrauen von Kindern und Jugendlichen, um sexuelle Kontakte, Bilder oder Treffen anzubahnen.
Hassrede: Beiträge, Kommentare oder Nachrichten, die Menschen wegen ihres Geschlechts, ihrer sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität abwerten oder bedrohen.
Teilen intimer Aufnahmen: wenn private Bilder oder Videos weitergeleitet oder veröffentlicht werden, obwohl die betroffene Person nicht eingewilligt hat.
Sextortion: Erpressung mit intimen Bildern, Videos oder Informationen – etwa mit der Drohung, sie zu veröffentlichen oder weiterzuleiten.
KI-generierte sexualisierte Deepfakes: manipulierte Bilder oder Videos, die eine reale Person in einem sexualisierten Kontext zeigen.
Cyberstalking: wenn Betroffene online verfolgt, überwacht oder immer wieder kontaktiert werden.
Digitale Kontrolle: etwa wenn in einer Beziehung Standortdaten überwacht, Passwörter verlangt oder die Nutzung von Handy und sozialen Medien eingeschränkt wird.
Besonders häufig trifft digitale geschlechtsspezifische Gewalt Mädchen und Frauen. Das bedeutet nicht, dass Jungen nicht auch betroffen sind. Gerade bei Sextortion sind Jungen und junge Männer besonders gefährdet. Und auch sie erleben Grooming oder andere sexuelle Übergriffe. Geschlechtsspezifisch ist Gewalt aber dann, wenn sie an Rollenbilder, Sexismus, Besitzansprüche oder Machtverhältnisse anknüpft. Genau diese Muster sind auch online wirksam.
Um für das Thema zu sensibilisieren, macht Frieda, die feministische Friedensorganisation der Schweiz, digitale geschlechtsspezifische Gewalt zum diesjährigen Fokus der Kampagne «16 Tage gegen Gewalt an Frauen».
Verantwortlich für die Kampagne ist Anna-Beatrice Schmaltz. Sie betont, dass geschlechtsspezifische Gewalt oft aus einem Umfeld mit stereotypen Vorstellungen hervorkommt: Mädchen sollen gefallen, Jungen dominant sein. Weiblichkeit wird sexualisiert oder abgewertet. Kontrolle wird als Liebe verkauft, Eifersucht als Beweis von Interesse, Härte als Zeichen von Männlichkeit.
«Stereotype Geschlechterbilder sind leider immer noch tief verankert«, sagt Anna-Beatrice Schmaltz. «Sie führen zu Sexismus und fehlender Gleichstellung und werden zum Nährboden für weitere Formen von Gewalt.» Verstärkt wird das durch Online-Vorbilder, die ein besonders enges, oft abwertendes Bild von Männlichkeit und Weiblichkeit vorleben – von toxischen Beziehungstipps bis zu offen frauenfeindlichen Inhalten.
Und auch queere Identitäten werden angegriffen, wobei junge Menschen aus der LGBTQIA+ Community digitaler geschlechtsspezifische Gewalt oft mehrfach ausgesetzt sind, wenn Sexismus mit Feindseligkeit gegenüber ihrer sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität zusammenkommt. Wer sich online als queer zeigt oder outet, wird dadurch schneller zur Zielscheibe – von abwertenden Kommentaren bis zu gezielten Anfeindungen.
Heranwachsende suchen online nicht nur Unterhaltung. Sie suchen Gemeinschaft, Vorbilder und Antworten auf Fragen, die in dieser Lebensphase besonders wichtig sind: Wer bin ich? Wie wirke ich? Was ist attraktiv? Wie soll ich als Mädchen, Junge, junge Frau, junger Mann oder queerer Mensch sein?
Digitale Räume können dabei bestärkend wirken. Gleichzeitig können sie Druck erzeugen. Bearbeitete Körperbilder, sexualisierte Ideale, abwertende Kommentare oder rigide Männlichkeits- und Weiblichkeitsbilder können verunsichern und falsche Vorstellungen wecken.
Solche Botschaften kommen manchmal als Witz, Meme, Trend, Dating-Tipp, Lifestyle-Ideal oder vermeintlich harmlose Provokation daher. Sie können beeinflussen, was Jugendliche für normal halten. Für Anna-Beatrice Schmaltz ist darum wichtig, dass Räume geschaffen werden, in denen über Konsens, Respekt, Gruppendruck, Rollenbilder und Identität gesprochen wird. «Ich erlebe Jugendliche als sehr interessiert und neugierig», sagt sie. «Und vor allem wollen sie ernst genommen werden.» Das geschieht, indem Erwachsene – ob Eltern oder Fachpersonen – in den Austausch gehen, ohne direkt zu verurteilen.
Eltern müssen nicht jede Plattform, jeden Trend und jeden Influencer kennen. Wichtiger ist, dass sie Interesse zeigen und im Gespräch bleiben. Wer fragt, zuhört und ernst nimmt, schafft eher die Grundlage dafür, dass Kinder und Jugendliche sich anvertrauen, wenn etwas passiert.
Sobald Kinder selbstständig online unterwegs sind, sollten sie wissen:
Nicht jedes Profil zeigt die reale Person, die dahinter steht. Private Informationen und Bilder gehören geschützt.
Niemand darf Druck machen, Geheimhaltung verlangen oder intime Bilder einfordern.
Ein Nein muss akzeptiert werden, auch im Chat.
Und wenn sich etwas unangenehm, komisch oder bedrohlich anfühlt, sollen sie Hilfe holen.
Kinder und Jugendliche sollten keine Angst haben müssen, dass Erwachsene mit Verboten, Kontrolle oder Vorwürfen reagieren, wenn sie sich anvertrauen. Sonst ziehen sie sich womöglich zurück und sagen beim nächsten Mal nichts mehr. Hilfreicher ist es, ruhig zu bleiben, zuzuhören und gemeinsam zu entscheiden, wie es weitergeht – bei Bedarf mit Unterstützung durch Fachpersonen.
Zur Aufklärung gehört auch, über Sexualität und Grenzen zu sprechen. Kinder und Jugendliche müssen wissen, dass Zustimmung freiwillig ist, dass sie ihre Meinung ändern dürfen und dass niemand ein Recht auf intime Bilder oder sexuelle Informationen hat.
Auch Veränderungen im Verhalten können Hinweise sein: Wenn ein Kind plötzlich verschreckt wirkt, sobald das Handy klingelt, sich zurückzieht, bestimmte Apps meidet oder ungewöhnlich angespannt ist. Das bedeutet nicht automatisch, dass Gewalt passiert ist. Aber es kann ein Anlass sein, behutsam nachzufragen: Gibt es etwas, das dich belastet? Brauchst du Unterstützung?
Für Anna-Beatrice Schmaltz ist die wichtigste Botschaft: «Gewalt ist nie in Ordnung! Und an alle Betroffenen: Ihr seid nicht mitschuldig.» Denn Kinder und Jugendliche schämen sich oft, weil sie geantwortet, etwas geteilt oder einer Person vertraut haben. Und Vorwürfe können dazu führen, dass sie schweigen. Hilfreicher ist es, ruhig zu bleiben, zuzuhören, Unterstützung anzubieten und gemeinsam die nächsten Schritte zu klären.
Wenn sexualisierte Bilder oder Videos von Minderjährigen im Umlauf sind, sollten Erwachsene vorsichtig sein: Solche Inhalte nicht weiterleiten oder als Screenshot abspeichern, sondern sich direkt an eine Fachstelle oder die Polizei wenden.
Jugendliche sollten zudem wissen, dass sie sich nicht nur an Eltern wenden können, sondern auch an Schulsozialarbeit, Vertrauenspersonen oder Beratungsstellen. Online oder per Telefon ist 147 eine vertrauliche Anlaufstelle für Heranwachsende. Bei digitaler sexualisierter Gewalt bietet clickandstop.ch Beratung und eine Meldemöglichkeit.
Die Kampagne «16 Tage gegen Gewalt an Frauen» findet vom 25. November bis zum 10. Dezember mit Aktionen und Veranstaltungen in der ganzen Schweiz statt. Ziel ist es, für das Thema zu sensibilisieren und Unterstützungsangebote bekannt zu machen. Beteiligt sind über 300 Organisationen.
Bettina Bichsel ist Journalistin und Texterin. Sie schreibt und bloggt unter anderem für Jugend und Medien.
Letzte Aktualisierung des Textes am 05.11.26