Blogbeitrag
«Lies doch einfach genau.»
«Rechne es noch einmal.»
«Du musst dich nur besser konzentrieren.»
Viele Kinder mit einer Lese-, Schreib- oder Rechenstörung hören solche Sätze immer wieder. Meist sind sie nicht böse gemeint. Aber sie frustrieren – und verletzen. Denn die Schwierigkeit liegt nicht daran, dass ein Kind sich keine Mühe gibt. Und schon gar nicht geht es um mangelnde Intelligenz. Dyslexie und Dyskalkulie sind vielmehr Entwicklungsstörungen.
Im digitalen Alltag fallen diese Hürden manchmal besonders stark auf. Lernplattformen, Online-Tests, Multiple-Choice-Aufgaben, Rechen-Apps oder Nachrichten im Klassenchat setzen oft voraus, dass Kinder schnell lesen, sicher schreiben, Zahlen rasch erfassen und sich auf unübersichtlichen Oberflächen zurechtfinden. Genau das ist für betroffene Kinder und Jugendliche schwierig und kostet überdurchschnittlich viel Energie.
Gleichzeitig bieten digitale Medien grosse Chancen: Vorlesefunktionen, Diktierprogramme, Rechtschreibkorrekturen, Taschenrechner-Apps, visuelle Rechenhilfen oder Programme zum Strukturieren von Aufgaben können helfen.
Bei Lese- und Schreibproblemen wird im deutschsprachigen Raum heute noch oft von Legasthenie gesprochen. Der Begriff hat einen medizinisch-fachlichen Hintergrund und bedeutet eigentlich «Wortblindheit». Die Weltgesundheitsorganisation WHO bezeichnet in der Internationalen Klassifikation der Krankheiten ICD-11 Dyslexie als spezifische Entwicklungsstörung mit Leseschwäche oder als Lernstörung mit Beeinträchtigung des Lesens. Ähnlich formuliert es das ebenfalls international angewandte Diagnostische und Statistische Manual Psychischer Störungen (Hrsg: Amerikanische Psychiatrische Gesellschaft, DSM-V): Hier wird von spezifischen Lernstörungen mit Lesebehinderung bzw. mit Beeinträchtigung des schriftlichen Ausdrucks gesprochen.
Dyskalkulie meint gemäss ICD-11 eine entwicklungsbedingte Lernstörung mit Beeinträchtigung in Mathematik. Das DSM-5 fasst die Definition etwas weiter und spricht von Schwierigkeiten beim Verständnis von Zahlen, beim Einprägen arithmetischer Fakten, beim Rechnen oder beim mathematischen Schlussfolgern. Die Bezeichnung Rechenschwäche wird hingegen eher bei Kindern gebraucht, die auch allgemein intellektuell schwächer sind.
Fachlich gehören Dyslexie und Dyskalkulie zu den Entwicklungsstörungen beziehungsweise spezifischen Lernstörungen. Dyslexie betrifft vor allem den Erwerb und die Automatisierung von Lesen und Rechtschreibung. Bei Dyskalkulie geht es um grundlegende mathematische Fertigkeiten wie Zahlensinn, Mengenverständnis, flüssiges Rechnen und das Abrufen mathematischer Fakten.
Für Isabelle Lavanchy, Co-Präsidentin der Association Dyslexie suisse romande, ist wichtig: « Diese Schwierigkeiten haben keinesfalls etwas mit mangelnder Intelligenz, Motivation oder Anstrengung zu tun. » Es geht also nicht darum, dass ein betroffenes Kind nicht aufpasst, zu wenig übt oder nicht möchte. Genau das wird im Alltag aber oft missverstanden.
Tania Shakarchi, Präsidentin des Verbands Dyslexie Schweiz, ergänzt: «Es handelt sich um die weitverbreitetste unsichtbare Behinderung, die nicht auffällig ist. Betroffene haben meist eine intakte bis sehr gute Intelligenz und funktionieren ‹normal›. Nur beim Lesen, Schreiben, Rechnen fallen sie aus dem ‹Normal›-Rahmen heraus.»
Digitale Lernumgebungen wirken auf den ersten Blick oft praktisch: Inhalte und Aufgaben sind schön verpackt, Übungen lassen sich wiederholen, Ergebnisse werden automatisch angezeigt. Vieles ist aber so ausgestaltet, dass es Kindern und Jugendlichen mit Dyslexie oder Dyskalkulie überhaupt nicht entspricht. Lange schriftliche Arbeitsaufträge, bestimmte Schriften, unruhige Bildschirmseiten oder blinkende Elemente können verwirren: Was steht da? Wo muss ich klicken? Was wird überhaupt gefragt? Betroffene kämpfen mit dem Zugang, für die eigentliche Aufgabe bleibt wenig Energie.
Besonders schwierig können Multiple-Choice-Aufgaben sein. Tania Shakarchi erklärt dazu: «Dys-Betroffene können die Subtilitäten des Geschriebenen nicht sehen, und den Test unmöglich meistern, selbst wenn sie den Inhalt bzw. die Frage verstehen und die Antwort eigentlich kennen.» Ein falsches Ergebnis zeigt also nicht immer, dass Kinder oder Jugendliche etwas nicht wissen. Vielmehr scheitern sie am Format, auch wenn etwa Antwortmöglichkeiten sehr ähnlich formuliert sind, kleine sprachliche Unterschiede entscheidend werden oder Aufgaben unter Zeitdruck gelöst werden müssen.
Auch bei Dyskalkulie können digitale Aufgaben zusätzlichen Druck erzeugen: schnelle Kopfrechen-Challenges, Punktesysteme, Countdowns oder Ranglisten. Was als spielerische Motivation gedacht ist, kann bei betroffenen Kindern und Jugendlichen eine richtige Hürde darstellen, und das Gefühl des Versagens verstärken.
Dyslexie und Dyskalkulie zeigen sich meist im Verlauf der Schulzeit. Hinweise können sein: sehr langsames Lesen, häufige Lesefehler, grosse Probleme mit Rechtschreibung, starke Erschöpfung bei schriftlichen Aufgaben oder auffällige Schwierigkeiten im Mengenverständnis und bei Grundrechenarten. Eine Abklärung wird dringend empfohlen, wenn Schwierigkeiten trotz pädagogischer Unterstützung anhalten.
Isabelle Lavanchy und Tania Shakarchi unterstreichen, wie wichtig frühes Erkennen ist. Dabei geht es nicht darum, ein Kind vorschnell zu etikettieren. Aber erst mit der richtigen Diagnose wird auch eine passende Unterstützung möglich. Denn gerade intelligente Kinder kompensieren ihre Schwierigkeiten manchmal lange. Sie merken sich Texte, raten, vermeiden bestimmte Aufgaben oder entwickeln aufwendige Strategien, um nicht aufzufallen.
Dieser Beitrag ist Teil unserer Mini-Serie «Neurodivergenz und digitale Medien». Denn nicht jedes Gehirn funktioniert gleich – und das hat Auswirkungen darauf, wie Kinder und Jugendliche digitale Medien erleben und nutzen. Nach ADHS geht es diesmal um Dyslexie und Dyskalkulie: um Stolpersteine im digitalen Alltag, aber auch um die Frage, wie digitale Hilfsmittel entlasten können.
So herausfordernd digitale Umgebungen sein können: Richtig eingesetzt, sind digitale Hilfsmittel für viele Kinder und Jugendliche mit Dyslexie oder Dyskalkulie eine enorme Unterstützung und bieten Möglichkeiten, die es früher nicht gab: Sprachausgabe, Diktierfunktionen, Rechtschreibhilfen, visuelle und interaktive Lernformate – solche Tools können den Alltag erheblich erleichtern und als Nachteilsausgleich eingesetzt werden, wenn sie das Lernen unterstützen oder bei Prüfungen helfen, das vorhandene Wissen und Können sichtbar zu machen.
Hilfreich wird Technik dann, wenn sie eine konkrete Barriere senkt. Wenn sich ein Kind einen langen Text vorlesen lassen kann, kann es sich auf den Inhalt konzentrieren und wird diesen besser verstehen, obwohl das Lesen selbst schwerfällt. Wenn es eine Antwort diktieren darf, kann es zeigen, was es weiss, ohne an der Rechtschreibung zu scheitern. Wenn Rechenwege visuell dargestellt werden, werden abstrakte Zahlen greifbarer.
Die beiden Expertinnen raten, Hilfsmittel möglichst früh einzusetzen, an den spezifischen Bedarf der betroffenen anzupassen und in eine strukturierte Begleitung einzubetten.
Konkret bedeutet das für den Familienalltag: Schauen Sie gemeinsam, in welchen Situationen eine digitale Hilfe Ihrem Kind eine Entlastung bringt. Nicht jede App ist für jedes Kind gleich hilfreich. Einige Punkte, die Orientierung geben können:
Digitale Lesestifte, Sprachausgabe und Diktierfunktionen sind keine «Schummelhilfen», sondern legitime Unterstützung. Helfen Sie Ihrem Kind, diese Werkzeuge selbstverständlich zu nutzen.
Wenn das Kind nach einem anstrengenden Schultag bereits erschöpft ist, ist ein weiterer inhaltsreicher Bildschirminhalt oft nicht erholsam. Leichte, kreative oder bewegungsbasierte digitale Angebote können besser passen.
Bevorzugen Sie digitale Inhalte, die das Kind hören oder anschauen kann, anstatt viel lesen zu müssen, etwa Hörspiele, erklärende Videos oder interaktive Formate mit Sprachausgabe.
Kinder und Jugendliche mit Dys-Störungen erleben im Alltag viel Frustration. Digitale Umgebungen, in denen etwas gelingt, können das Selbstbild stärken. Feiern Sie kleine Fortschritte ausdrücklich.
Bettina Bichsel ist Journalistin und Texterin. Sie schreibt und bloggt unter anderem für Jugend und Medien.
Nächstes Mal in unserer Serie «Neurodivergenz und digitale Medien»: Was bedeutet es für den Medienalltag, wenn ein Kind autistisch ist? Wo liegen die besonderen Herausforderungen und welche Chancen bieten digitale Medien?
Letzte Aktualisierung des Textes am 01.06.26