Blogbeitrag
Wenn in der Schule alles zu viel ist, ziehen sich autistische Kinder und Jugendliche zu Hause oft erst mal zurück, brauchen ihr Lieblingsgame am Smartphone oder schauen sich zum x-ten Mal dieselben Videos an. Digitale Medien sind für viele Heranwachsende im Autismus-Spektrum weit mehr als Zeitvertreib und Unterhaltung. Sie helfen ihnen, Reize zu verarbeiten, sich selbst zu regulieren und mit den Anforderungen der Aussenwelt klar zu kommen.
Natürlich gilt das auch für neurotypische Heranwachsende und für Kinder mit anderen neurodivergenten Ausprägungen wie ADHS. Bei autistischen Kindern und Jugendlichen können digitale Medien jedoch eine besonders wichtige Rolle spielen, weil digitale Räume oft vorhersehbarer, strukturierter und weniger überfordernd sind als der direkte Alltag.
Dieser Beitrag ist Teil unserer Mini-Serie «Neurodivergenz und digitale Medien». Denn nicht jedes Gehirn funktioniert gleich – und das hat Auswirkungen darauf, wie Kinder und Jugendliche digitale Medien erleben und nutzen. Wir beleuchten an dieser Stelle verschiedene Formen der Neurodivergenz (ADHS, Autismus, Dyslexie, Hochsensibilität). Es geht um damit verbundene Herausforderungen im Familienalltag, aber auch um Chancen für Heranwachsende ausserhalb des neurotypischen Bereichs.
Zugleich sind auch Risiken im Blick zu behalten: etwa ein starker Rückzug ins Digitale, Schwierigkeiten beim Aufhören oder belastende Erfahrungen in der Online-Kommunikation.
Autismus erscheint in einem breiten Spektrum von Symptomen in jeweils unterschiedlicher Ausprägung. Wie Joëlle Gut, Kinder- und Jugendpsychologin und Gründerin von Erziehungskosmos.ch, sagt: «Autismus ist bunt. Unterschiede zeigen sich nicht nur im Sozialen, sondern zum Beispiel auch bei Interessen, Ritualen, sensorischer Sensitivität, Emotionsregulation, Wahrnehmung und exekutiven Funktionen.»
Entsprechend schwierig ist es, pauschale Aussagen zu machen. Was einem Kind guttut, kann für ein anderes zu viel sein. Wichtig ist, genau hinzuschauen und die Bedürfnisse hinter der Mediennutzung zu verstehen. Für manche Kinder ist das Lieblingsvideo nach der Schule eine verlässliche Möglichkeit, herunterzufahren. Andere finden in Games klare Regeln und Vorhersehbarkeit, die ihnen im Alltag oft fehlen. Wieder andere empfinden Online-Kommunikation als entlastend, weil sie dort mehr Zeit zum Reagieren haben und soziale Situationen besser kontrollieren können. Autistische Heranwachsende erleben sich selbstwirksam, das stärkt den Selbstwert. Und wenn sie mit anderen spezifische Interessen teilen – ob Züge, Astronomie oder Mangas – merken sie, dass sie damit nicht allein sind.
Die neuropsychologische Entwicklung bei Autismus verläuft oft in anderen Bahnen. Ein wichtiger Akteur ist dabei die Amygdala – eine Art «Alarmanlage» im Kopf, die Gefühle verarbeitet und entscheidet, ob eine Situation sicher oder stressig ist.
Bei autistischen Kindern und Jugendlichen arbeitet diese Alarmanlage oft im Dauerbetrieb. Soziale Situationen, wie etwa ein voller Pausenhof oder das Deuten von Gesichtsausdrücken, sind für sie extrem anstrengend, weil ihr Gehirn diese Reize nicht einfach nebenbei verarbeiten kann. Die digitale Welt bietet einen wohltuenden Rückzugsort: Algorithmen und Spielmechaniken folgen logischen Regeln, die Kommunikation ist oft zeitversetzt oder erfolgt über eindeutige Symbole. Das entlastet die Amygdala, wodurch das Stresslevel sinkt. Allerdings hat diese Medaille auch eine Kehrseite: Wenn online etwas Negatives oder Erschreckendes zu sehen ist, bleibt das oft viel stärker haften. Das autistische Gehirn kann diese Bilder schlechter löschen.
Joëlle Gut erklärt, wie sich dies neurobiologisch äussert: «Wenn die Aufforderung, zum Essen zu kommen, scheinbar ins Leere läuft, das Kind sich nicht vom Bildschirm wegbewegt, geht es um die sogenannten exekutiven Funktionen im Gehirn, genauer gesagt im Vorderhirn. Diese Funktionen sind dafür zuständig, Impulse zu kontrollieren, Handlungen zu planen und flexibel von einer Aufgabe zur nächsten zu wechseln. Bei neurodivergenten Kindern und Jugendlichen (u. a. ADHS; ASS) entwickelt sich dieser Bereich oft zeitverzögert oder anders.»
Das bedeutet im Alltag:
Während das Belohnungssystem im Gehirn beim Gamen oder Streamen ständig ruft: «Mehr davon!», ist der körpereigene Manager noch nicht stark genug, um die Stopp-Taste zu drücken.
Der Wechsel vom fesselnden Game zum – vergleichsweise langweiligen – Abendessen erfordert geistige Flexibilität. Für ein autistisches Gehirn ist das kein kleiner Schritt, sondern ein grosser Sprung, der oft Stress auslöst.
Problematisch kann es werden, wenn digitale Medien zur einzigen Strategie werden, um mit Stress, Frust oder Überforderung umzugehen. Joëlle Gut verdeutlicht: «Wenn der Rückzug ins Netz nicht mehr der Erholung dient, sondern zur reinen Vermeidung der realen Welt wird, wächst die Gefahr der Isolation.» Die damit verbundene Gefahr einer exzessiven Mediennutzung kann zudem begünstigt werden durch schnelle Dopamin-Belohnungen, die beispielsweise bei Games ausgeschüttet werden. Belohnungen, die im sozialen Alltag ausbleiben oder zumindest weniger leicht erlebbar sind.
Ein weiteres Risiko liegt in der Online-Kommunikation. Ironie, zwischen den Zeilen stehende Botschaften oder manipulative Absichten sind für autistische Kinder und Jugendliche oft schwerer zu entschlüsseln. Studien zeigen, dass sie in höherem Masse der Gefahr von Ausgrenzungen, Cybermobbing oder sexuellen Übergriffen im Internet ausgesetzt sind.
Rechtzeitig anzukündigen, dass die Medienzeit bald endet, ist für autistische Heranwachsende hilfreich. Gehen Sie hin und holen Sie es ins Hier und Jetzt. Ein Timer oder eine Sanduhr können visuell Orientierung geben. Zudem fällt das Aufhören leichter, wenn klar und vorhersehbar ist, was nach der Medienzeit kommt.
Versuchen Sie zu verstehen, warum sich Ihr Kind in digitale Medien vertieft. Sucht es Entspannung nach der Schule? Geht es seinem Spezialinteresse nach? Oder flüchtet es vor einem Konflikt? Wenn verständlich wird, welches Bedürfnis das Medium erfüllt, können Sie gezielter Alternativen anbieten beziehungsweise gemeinsam mit Ihrem Kind suchen.
Vereinbaren Sie gemeinsam Regeln. Es kann Sinn machen, diese Absprachen auch schriftlich festzuhalten, zum Beispiel in einem altersgerechten Mediennutzungsvertrag.
Begleiten Sie Ihr Kind aktiv. Sprechen Sie über Erfahrungen in Chats und erklären Sie Risiken wie Cybermobbing oder Cybergrooming. Da negative Erlebnisse hängen bleiben, ist es wichtig, dass Ihr Kind weiss: Bei Problemen kann ich jederzeit zu meinen Eltern kommen, ohne dass sofort ein Medienverbot droht.
Digitale Medien sollten nicht die einzige Möglichkeit bleiben, um Stress abzubauen. Offline-Rückzugsorte, Bewegung, kreative Tätigkeiten oder Rituale sind wichtige Ergänzungen. Digitale Interessen können dafür ein guter Ausgangspunkt sein.
Kinder orientieren sich auch daran, wie Erwachsene mit Medien umgehen. Deshalb lohnt sich der Blick auf das eigene Nutzungsverhalten: Wie präsent sind Smartphone oder andere digitale Geräte in Ihrem Leben?
Beobachten Sie Ihr Kind. Wenn digitale Medien immer wieder heftige Konflikte auslösen, Schlaf und Alltag belasten oder Heranwachsende sich stark zurückziehen, kann fachliche Unterstützung sinnvoll sein.
Bettina Bichsel ist Journalistin und Texterin. Sie schreibt und bloggt unter anderem für Jugend und Medien.
Nächstes Mal in unserer Serie «Neurodivergenz und digitale Medien»: Was bedeutet es für den Medienalltag, wenn ein Kind hochsensibel ist? Wo liegen die besonderen Herausforderungen und welche Chancen bieten digitale Medien?
Letzte Aktualisierung des Textes am 29.06.26