Blogbeitrag
Das englische Wort «cozy» meint gemütlich, behaglich. Oder bildlich gesprochen: Sich bei Wind und Wetter zu Hause mit einer heissen Schokolade auf dem Sofa unter eine Kuscheldecke verziehen. In der Welt der Videospiele prägt das Wort ein ganzes Genre. Aber was ist damit gemeint? Und sind Cozy Games gerade für Kinder und Jugendliche die bessere Wahl?
So einig sind sich Fachleute darüber gar nicht. Die einen sehen tatsächlich eine eigene Spielkategorie, andere eher eine bestimmte Qualität des Spielerlebnisses. Was aber typisch für ein Cozy Game ist:
Die Atmosphäre ist freundlich und ruhig.
Es gibt keinen Zeitdruck, keine Bedrohungen, keine Bedrängnisse.
Die Aufgaben, die es zu lösen gilt, sind einfach und überschaubar.
Nicht ein Sieg oder das Erreichen eines neuen Levels steht im Mittelpunkt, sondern das Erkunden.
Neu ist das nicht. Schon vor über 25 Jahren kam die erste Ausgabe von The Sims auf den Markt. Es ging darum, mit einer Spielfigur ein ganzes Leben zu kreieren. Ohne dass man sich mit anderen Teilnehmenden misst und ohne dass ein gewählter Weg besser war als ein anderer. Man konnte einfach das machen, worauf man Lust hatte – das Leben erkunden.
Später wurde vor allem Animal Crossing bekannt: Hier sind die Spielenden auf einer Insel, gehen angeln, sammeln Gegenstände, gestalten ihr Haus und ihre Umgebung und freunden sich mit Tieren an. Auch hier geht es nicht darum, besser zu sein als andere oder auf Eroberungszüge zu gehen.
Warum Cozy Games so beliebt sind
Animal Crossing: New Horizon erschien 2020, also mitten in der Corona-Pandemie, als in vielen Ländern der Alltag zum Stillstand kam. Während draussen vieles nicht mehr so war wie zuvor und Unsicherheit herrschte, trug das Spiel laut Studien dazu bei, Bedürfnisse nach Selbstbestimmung, sozialer Verbundenheit und Kompetenzerleben zu erfüllen. Vor allem wer soziale Funktionen des Spiels nutzte und beispielsweise Inseln von anderen besuchte, fühlte sich oft weniger einsam. Das Spiel wurde zu einem sozialen und entspannenden Rückzugsort.
Komplexität, Negativschlagzeilen und Unsicherheiten sind nach der Pandemie nicht verschwunden. Ausserdem ist unser Alltag geprägt von Terminen, Nachrichten und Leistungsanforderungen. Virtuelle Welten, in denen es einfach darum geht, ein Zimmer nach unserem Geschmack einzurichten oder Blumen zu pflanzen, bieten einen Gegenpol dazu.
Und natürlich gilt auch: Wo ein Bedürfnis besteht, findet Marketing die entsprechende Zielgruppe. Mit warmen Farben, niedlichen Charakteren und idyllischen Landschaften hat sich eine eigene Ästhetik entwickelt, die perfekt zum Versprechen einer kleinen Auszeit passt.
Ist das problematisch? Nicht, solange klar ist, dass das Label «cozy» noch nichts darüber aussagt, ob ein Spiel kindgerecht oder pädagogisch wertvoll ist. Wie bei anderen Games sind auch bei Cozy Games Risiken zu beachten:
Gerade bei kostenlosen Spielen werden die Spielenden oft zu In-App-Käufen animiert.
Es gibt verschiedene Mechanismen, die zum Weiterspielen verleiten, z.B. Belohnungen, zeitlich begrenzte Angebote oder immer neue Aufgaben.
Online-Funktionen bieten die Möglichkeit, dass andere Spielende Kontakt aufnehmen. Hinter vermeintlich Gleichaltrigen können sich auch Erwachsene mit pädokriminellen Absichten verbergen.
Gut gemachte Cozy Games bieten interessante Erfahrungsräume. Kinder können beispielsweise planen, ausprobieren und Probleme lösen. Sie gestalten Räume und Landschaften, ordnen Gegenstände, verwalten Ressourcen oder überlegen, welche Aufgabe sie als Nächstes erledigen möchten. Für jüngere Kinder können Spiele interessant sein, die intuitiv funktionieren, keine oder nur wenig Lesekompetenz verlangen und Fehler zulassen. Bei älteren Kindern werden zusätzlich Onlinefunktionen und soziale Aspekte wichtiger. Sie spielen häufiger selbstständig, treffen eigene Entscheidungen innerhalb des Spiels und verstehen auch komplexere Spielsysteme besser. Damit können jedoch auch Kaufanreize oder soziale Erwartungen stärker wirken.
Welche Fähigkeiten gefragt sind, hängt stark vom jeweiligen Spiel ab. Und ein Cozy Game ist nicht automatisch besser als ein anderes Spiel. Forschung zum spielbasierten Lernen erkennt bei verschiedenen Genres positive Effekte, etwa mit Blick auf Kreativität, räumliches Denken, Teamarbeit, strategisches Planen oder Frustrationstoleranz. Es kommt also immer auf das Spiel an.
Zudem sind Kinder unterschiedlich: Eines entspannt vielleicht beim Pflegen eines virtuellen Gartens. Ein anderes findet gerade die Herausforderung eines kniffligen Jump-and-Run-Spiels befriedigend. Und auch ein Cozy Game kann stressen, wenn unbedingt noch eine Aufgabe erledigt werden muss. Bei Animal Crossing: New Horizon beispielsweise führt die Deutsche USK (Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle) bei der aktuellen Freigabe ab 6 Jahren ausdrücklich den Hinweis «Druck zum Vielspielen» an.
Hilfreicher als «Ist das ein gutes Genre?» kann darum vielmehr die Frage sein: Passt dieses konkrete Spiel zu meinem Kind und seinen Bedürfnissen?
Cozy Games sind besonders für Kinder und Jugendliche angenehm, die Reize intensiv wahrnehmen oder sich in ruhigen, überschaubaren Spielwelten wohler fühlen. Das trifft oft auf Heranwachsende mit ADHS oder Autismus, aber auch auf hochsensible Kinder zu. Wenn wenig gleichzeitig passiert, Abläufe nachvollziehbar sind und im eigenen Tempo gespielt werden kann, wird das Spielen weniger hektisch und überfordernd. Zugleich kann man sich auf eine Sache einlassen. Ob ein Cozy Game tatsächlich gut passt, hängt jedoch immer vom einzelnen Kind ab.
Niedliche Figuren und friedliche Landschaften sagen wenig darüber aus, ob ein Spiel empfehlenswert ist. PEGI-Kennzeichnungen geben hilfreiche Hinweise zu Altersempfehlungen und problematischen Inhalten. Ob sich ein Spiel für Ihr Kind eignet, finden Sie am besten heraus, wenn Sie es erst einmal selbst spielen.
Kostet das Spiel einmalig oder können später zusätzliche Gegenstände, Spielwährungen oder Erweiterungen gekauft werden? Gerade bei jüngeren Kindern empfiehlt es sich, Käufe technisch zu sperren oder durch ein Passwort zu schützen.
Können andere Spielende die eigene Welt besuchen? Gibt es Chats oder Freundschaftsanfragen? Wo Kommunikation mit Fremden möglich ist, brauchen Kinder Regeln dafür, welche Informationen sie weitergeben dürfen und wie sie reagieren, wenn ihnen ein Kontakt unangenehm wird.
Tägliche Belohnungen, zeitlich begrenzte Angebote oder Aufgaben ohne natürlichen Endpunkt können das Aufhören erschweren. Auch da braucht es Vereinbarungen.
Wer sich ein Spiel zeigen lässt oder selbst eine Runde mitspielt, versteht schneller, was ein Kind daran fasziniert. Daraus entstehen bessere Gespräche als aus der Frage, wie viele Minuten Bildschirmzeit noch erlaubt sind.
Ein Mädchen entdeckt zusammen mit seiner Grossmutter deren Lebensgeschichte. Die Handlung wird weitgehend ohne Sprache erzählt; kleine Puzzle müssen durch Beobachten und Ausprobieren gelöst werden. Gerade deshalb eignet sich das Spiel auch gut zum gemeinsamen Rätseln.
Tell me your Story
Aus sechseckigen Plättchen entstehen Dörfer, Wälder, Flüsse und Felder. Das ruhige Legespiel fordert logisches und vorausschauendes Denken, kommt ohne Gegner aus und lässt sich im eigenen Tempo spielen.
Dorfromantik
Hier werden Schubladen sortiert, Bilder geradegerückt oder Gegenstände nach einem zunächst unbekannten Prinzip angeordnet. Das Spiel gibt kaum Vorgaben und lässt Zeit zum Ausprobieren. Hinweise helfen, wenn ein Rätsel zu knifflig wird.
A Little to the Left
Mit einem kleinen Boot werden Öl und Müll aus Gewässern entfernt, Tiere gerettet und nach und nach verschmutzte Landschaften wiederhergestellt. Das Spiel kommt ohne Zeitdruck aus und greift spielerisch Umwelt- und Meeresschutz auf. Auf Mobilgeräten können zunächst drei Bereiche kostenlos gespielt werden.
Spilled!
Alba verbringt den Sommer auf einer Mittelmeerinsel, beobachtet und fotografiert Tiere und engagiert sich gemeinsam mit einer Freundin für den Schutz der Natur. Dabei geht es um genaues Beobachten, Artenvielfalt und darum, selbst aktiv zu werden.
Alba: A Wildlife Adventure
Ein kleines Krokodil erkundet eine Insel, klettert, gleitet, hilft anderen Figuren und versucht, Freunde für ein grosses gemeinsames Spiel zu gewinnen. Im Mittelpunkt stehen Fantasie, Entdecken und Freundschaft. Zwar werden auch «Gegner» bekämpft, diese bestehen jedoch aus selbst gebastelten Pappfiguren.
Lil Gator Game
In diesem entspannten Erkundungsspiel geht es aufs Wasser und in die Tiefe: Spielerinnen und Spieler angeln, entdecken verschiedene Meeresbewohner und erweitern nach und nach ihre Ausrüstung. Ohne Hektik entsteht so ein ruhiger Spielfluss, der zum Sammeln und Ausprobieren einlädt.
Creatures of the Deep
Die Spielenden betreiben ein Café, richten es ein, bedienen Gäste und retten zugleich kleine Fantasiewesen. Das Spiel verbindet Gestaltung, Organisation und leichte Rätsel.
Critter Café
Mit einer Kamera erkundet man eine handgezeichnete Welt, fotografiert Tiere, Landschaften und ungewöhnliche Situationen und löst dabei kleine Aufgaben. Das Spiel fördert genaues Hinschauen, Neugier und kreatives Problemlösen.
TOEM: A Photo Adventure
Eine Mischung aus Farmspiel, Lebenssimulation und Hexengeschichte. Man bewirtschaftet einen Hof, lernt Dorfbewohnende kennen und entdeckt nach und nach eine magische Parallelwelt. Interessant sind neben Planung und Ressourcenmanagement auch Beziehungen und unterschiedliche Lebensentwürfe.
Wylde Flowers
Hier wird die Logik klassischer Aufbauspiele umgedreht: Statt Ressourcen auszubeuten, stellen die Spielenden zerstörte Ökosysteme wieder her. Sie reinigen Böden und Wasser, lassen Pflanzen und Tiere zurückkehren und bauen ihre technischen Anlagen anschliessend wieder ab.
Terra Nil
Ein sehr ruhiges Management- und Erkundungsspiel über Abschied und Tod. Die Spielenden kümmern sich um verstorbene Figuren, erfüllen letzte Wünsche und begleiten sie auf ihrem Weg.
Spiritfarer
Hier betreibt man eine kleine, gemütliche Buchhandlung direkt am Meer. Bücher werden sortiert, Kundinnen und Kunden beraten und passende Empfehlungen ausgesprochen. Neben der entspannten Atmosphäre lernen Kinder spielerisch etwas über Literatur und unterschiedliche Genres.
Tiny Bookshop
Hier steht weniger das Management eines Cafés als das Zuhören im Mittelpunkt. Man serviert Getränke und verfolgt die Gespräche und Geschichten der Gäste. Dadurch geht es viel um Beziehungen, unterschiedliche Lebenssituationen und Perspektivwechsel.
Coffe Talk
Bettina Bichsel ist Journalistin und Texterin. Sie schreibt und bloggt unter anderem für Jugend und Medien.
Letzte Aktualisierung des Textes am 06.10.26