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Kinder und Jugendliche sind sehr verschieden in der Art, wie sie denken, wahrnehmen, die Welt erleben und sich in ihr bewegen. Manche sind neurodivergent, haben also beispielsweise ADHS, eine Lese- und Rechtschreibschwäche oder sind autistisch. Andere leben mit körperlichen oder kognitiven Beeinträchtigungen.
Digitale Medien bieten ihnen allen grosse Chancen: Sie können Barrieren abbauen, Teilhabe ermöglichen, individuelle Stärken fördern und Schutzräume bieten. Gleichzeitig können sie jedoch auch neue Hürden schaffen: Wenn sie überreizen und überfordern oder wenn Technik, Apps und Unterrichtsformate nicht zugänglich gestaltet sind.
Digitale Teilhabe ist ein Recht.
Die richtige Technik kann Teilhabe entscheidend verbessern.
Lehrkräfte und Eltern spielen eine Schlüsselrolle bei der digitalen Inklusion.
Inhalt
Der Begriff Neurodiversität beschreibt, dass es keine einzig richtige Funktionsweise des menschlichen Gehirns gibt. Stattdessen wird neurologische Vielfalt als natürlich betrachtet, ähnlich wie die biologische Vielfalt in der Natur. Menschen, deren neurologische Entwicklung auf übliche Weise verläuft, werden als «neurotypisch» bezeichnet. Menschen, deren Gehirn Informationen anders verarbeitet, strukturiert und filtert, nennt man «neurodivergent».
Unter dem Schirm der Neurodivergenz finden sich verschiedene Profile. Wir beschränken uns hier auf die Ausprägungen, die im Umgang mit digitalen Medien besondere Relevanz haben:
Die Hauptmerkmale von ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung, ICD-11: 6A05) sind ein hohes Level an Energie bzw. (innere) Unruhe, impulsive Reaktionen und die Schwierigkeit, aufmerksam und konzentriert zu bleiben. Menschen mit ADHS haben oft Mühe, Aufgaben zu Ende zu bringen, Gefühle zu regulieren oder Anweisungen zu folgen. Gleichzeitig können sie bei Themen, die sie wirklich interessieren, aussergewöhnlich fokussiert, kreativ und ausdauernd sein.
Nicht immer ist es leicht, ADHS zu erkennen. Manche ADHS-Kinder sind ständig in Bewegung und handeln impulsiv, andere wirken eher verträumt und unorganisiert. In der Pubertät kommen oft Stimmungsschwankungen und ein stärkeres Gefühl des Andersseins hinzu.
Unterschieden wird zwischen ADHS und ADS. Beiden gemeinsam sind Probleme mit der Aufmerksamkeit, während Hyperaktivität bei ADS nicht auftritt. Insgesamt geht die Forschung davon aus, dass 4 - 5 Prozent der Bevölkerung von AD(H)S betroffen ist.
Die permanente Verfügbarkeit von Reizen, Benachrichtigungen und schnell wechselnden Inhalten kann die Selbstregulation zusätzlich erschweren.
Endloses Scrollen oder Autoplay-Funktionen machen es schwerer, bewusst aufzuhören.
Klassische Regeln nach dem Prinzip «erst Hausaufgaben, dann Bildschirmzeit» greifen oft nicht, weil das ADHS-Gehirn nicht nach diesem Aufschiebeprinzip funktioniert.
Studien zeigen, dass sich Kinder und Jugendliche mit ADHS von digitalen Medien oft besonders stark angezogen fühlen, da diese ihr Bedürfnis nach schneller Belohnung und hoher Erregung perfekt bedienen.
Digitale Medien können auch eine Bewältigungshilfe sein, um mit Frust in der Schule oder im Alltag klarzukommen. Das zeigt sich besonders deutlich beim Gaming: Videospiele bieten klare Ziele, sofortiges Feedback und sichtbaren Fortschritt. Damit sprechen sie das Belohnungssystem des ADHS-Gehirns direkt an.
Kritisch sind vor allem schnelle Games und solche mit endlosen Belohnungsschleifen (z. B. Online-Multiplayer-Games): Sie machen es für Kinder, die ohnehin Mühe haben, Impulse zu steuern, besonders schwer aufzuhören.
Hinzu kommt das, was Fachleute Hyperfokus nennen: Wenn ein Thema oder eine Aufgabe begeistert, können Kinder und Jugendliche mit ADHS ihre Aufmerksamkeit aussergewöhnlich intensiv und ausdauernd darauf richten, auch über Stunden.
Wichtig dabei ist: Die Forschung zeigt einen Zusammenhang, aber keine einfache Ursache-Wirkung. Vielmehr ist es ein wechselseitiger Prozess: Während ADHS das Risiko für eine problematische Mediennutzung erhöht, kann der übermässige Konsum die Symptome wie Unaufmerksamkeit und Unruhe wiederum verstärken.
Entscheidend ist, nicht nur auf die reine Dauer zu achten, sondern vor allem auf die Art der Nutzung. Und auf die Bedürfnisse, die damit befriedigt werden sollen.
Ruhige Games wie Aufbau- oder Rätselspiele beispielsweise helfen manchen Kindern, nach einem anstrengenden Tag runterzukommen oder innere Unruhe zu dämpfen.
Welche Medienregeln und -inhalte sind für Kinder mit ADHS sinnvoll?
Wenn Aufhören so schwer ist: ADHS und digitale Medien
Autismus (Autismus-Spektrum-Störung ASS, ICD-11: 6A02) ist keine einheitliche Diagnose, sondern umfasst ein breites Spektrum. Was alle Betroffenen verbindet: Das Gehirn verarbeitet soziale Signale, Sprache und Sinnesreize anders als bei neurotypischen Menschen. Wie sich das im Alltag zeigt, ist jedoch sehr individuell. Häufig beschreiben autistische Menschen, dass soziale Situationen viel Energie kosten: Mimik und Gestik sind schwer zu lesen, Gespräche laufen in einem Tempo, das wenig Raum zum Verarbeiten lässt. Auch Gefühle oder Bedürfnisse zu benennen, fällt schwer.
Während bei ADHS eine Begeisterung für bestimmte Themen eher situativ auftritt, also von Moment zu Moment auch unterschiedlich sein kann, bringen Menschen mit Autismus oft ausgeprägte langfristige Interessen mit. Sie beschäftigen sich über Jahre oder ein Leben lang mit einem bestimmten Thema, etwa Züge, Astronomie oder eine bestimmte Videospielreihe. Sogenannte Inselbegabungen wiederum bezeichnen aussergewöhnliche Fähigkeiten in einem sehr spezifischen Bereich, etwa ein ausgeprägtes Zahlengedächtnis oder eine herausragende musikalische Begabung.
Weit verbreitet sind zudem analytische Fähigkeiten, eine feine Wahrnehmung für Details oder besondere Kreativität.
Autistischen Kindern fällt es oft schwer, mit anderen zu interagieren oder zu spielen. Viele reagieren sehr sensibel auf Geräusche, Licht oder Berührungen. In der Jugend rückt das Gefühl in den Vordergrund, anders zu sein und nicht dazuzugehören.
Rund 1 Prozent der Bevölkerung lebt mit einer ASS-Diagnose. In vielen Fällen erfolgt eine Diagnose erst spät oder gar nicht.
Reizintensive Plattformen können überfordern.
Gruppenchats mit wechselnden Dynamiken oder beispielsweise ironischen Inhalten sind für Betroffene oft schwer zu entschlüsseln.
Soziale Medien mit ihren impliziten Regeln, wechselnden Trends und mehrdeutigen Kommunikationssituationen können schwierig sein.
Autistische Kinder und Jugendliche erleben gerade Games oder soziale Medien als entlastend: Nonverbale Signale fallen weg und die Kommunikation kann im eigenen Tempo erfolgen. Freundschaften sind online mitunter einfacher und auch zum Abbau von Stress können digitale Aktivitäten hilfreich sein. Gleichzeitig steigt das Risiko für exzessiven Medienkonsum, wenn digitale Medien zum zentralen Mittel werden, um mit schwierigen Gefühlen umzugehen, oder wenn Wiederholungen und visuelle Reize einen starken Sog entwickeln.
Studien zeigen zudem, dass Jugendliche im Autismus-Spektrum stärker gefährdet sind, Cybermobbing und sexuelle Übergriffe im Netz zu erleben. Das wird auf zwei Dinge zurückgeführt: Einerseits erkennen Betroffene Ironie, Doppeldeutigkeiten und manipulative Absichten schwerer und nehmen soziale Grenzen weniger intuitiv wahr. Andererseits sind sie oftmals früher und häufiger online als neurotypische Gleichaltrige, wodurch sie Risiken stärker ausgesetzt sind.
Cybermobbing
Psychische Gesundheit
Sexuelle Übergriffe
Mein autistisches Kind ist sehr oft online. Ab wann ist das bedenklich?
Weil online vieles leichter ist: Autismus und digitale Medien
Man spricht auch von entwicklungsbezogenen Lernstörungen mit Beeinträchtigung des Lesens und/oder der Mathematik (ICD-11: 6A03.0 / ICD-11: 6A03.1).
Beide Störungen betreffen die Art, wie das Gehirn bestimmte Informationen verarbeitet – bei Dyslexie (oder Legasthenie) sind es Schrift und Sprache, bei Dyskalkulie sind es Zahlen und Mengen. Was sie gemeinsam haben: Sie sagen nichts über Intelligenz aus, und sie fallen oft erst auf, wenn schulische Anforderungen steigen.
Menschen mit Dyslexie lesen häufig langsamer, vertauschen Buchstaben oder tun sich schwer, Gelesenes zu behalten. Betroffene mit Dyskalkulie haben Mühe, Zahlenbeziehungen zu verstehen, oder verlieren beim Rechnen schnell den Faden. Dyslexie und Dyskalkulie gehören zu häufigen Lernschwierigkeiten und können mit wachsendem Leistungsdruck in der Schule zu einer Spirale aus Frustration und Selbstzweifeln werden.
Gleichzeitig bringen viele Betroffene ausgeprägte Stärken mit, zum Beispiel ein starkes räumliches Vorstellungsvermögen, kreatives Denken oder besondere Fähigkeiten im praktischen Bereich.
Textlastige Websites, Formulare oder Lernplattformen ohne Vorlesefunktion stellen erhebliche Hürden dar.
Zeitdruck bei digitalen Aufgaben oder Tests benachteiligt Betroffene zusätzlich.
Auch Captchas – Sicherheitsabfragen, bei denen verzerrte Buchstaben oder Zahlen abgetippt werden müssen – können schwierig sein.
Welche Apps helfen meinem Kind mit Legasthenie?
Wenn Buchstaben und Zahlen zur Hürde werden: Dyslexie und Dyskalkulie im Medienalltag
Zwei weitere Ausprägungen werden oft im Zusammenhang mit Neurodivergenz genannt, sind aber in der international gültigen Klassifikation von Erkrankungen ICD-11 nicht als eigenständige Diagnosen aufgeführt:
Hochbegabte Kinder und Jugendliche denken schneller, komplexer und vernetzter als der Durchschnitt. Das kann zu Unterforderung, sozialer Isolation oder emotionaler Überreizung führen.
Vereinfachte oder repetitive Lern-Apps werden schnell als langweilig empfunden. Gleichzeitig besteht die Gefahr, sich in digitalen Welten zu verlieren, die zwar intellektuell stimulieren, aber sozial isolieren.
Hochsensible Menschen verarbeiten Sinnesreize, Emotionen und soziale Informationen tiefer und intensiver. Das führt schnell zu Reizüberflutung.
Benachrichtigungen, grelle Farben, schnelle Schnitte in Videos oder emotional aufwühlende Inhalte können belasten und Erschöpfung auslösen.
Wenn alles ganz intensiv ist: Hochsensibilität und digitale Medien
Eine ausgeprägte Sensibilität und Reizoffenheit ist eine Eigenschaft, die auf viele Menschen zutrifft. Fragebogen und Tests können Aufschluss geben, ob ein Kind oder eine jugendliche Person hochsensibel ist. Dabei handelt es sich jedoch nicht um eine medizinisch-diagnostische Abklärung. Zugleich ist es wichtig zu wissen, dass Hochsensibilität auch ein Anzeichen für ADHS oder Autismus sein kann. Insofern kann es eine Art Türöffner sein, um sich mit dem Thema Neurodivergenz und den jeweiligen Besonderheiten auseinanderzusetzen. Eben weil die Grenzen fliessend sind, kann sich eine Diagnostik lohnen – nicht zuletzt, damit Kinder und Jugendliche in der Schule die nötige Unterstützung erhalten.
Ob jemand als «behindert» gilt, hängt nicht allein von einer körperlichen oder kognitiven Beeinträchtigung ab, sondern davon, wie die Umwelt gestaltet ist.
Diesem Verständnis folgt das soziale Modell von Behinderung:
Eine Schülerin, die nicht sprechen kann, wird nicht durch ihre Stimmlosigkeit behindert, sondern durch eine Schule, die keine Unterstützte Kommunikation (UK) kennt.
Ein blinder Jugendlicher wird nicht durch seine fehlende Sehfähigkeit vom Internet ausgeschlossen, sondern durch Websites, die nicht mit Screenreadern funktionieren.
Um gezielte Unterstützung anzubieten, unterscheidet man oft zwischen verschiedenen Bereichen:
Körperliche Behinderungen kommen in sehr unterschiedlichen Ausprägungen vor – von einer leichten Kurzsichtigkeit bis zu schweren motorischen Einschränkungen oder vollständiger Gehörlosigkeit. Allen gemeinsam ist, dass nicht die Beeinträchtigung selbst, sondern eine unzugängliche Umgebung zur eigentlichen Barriere wird. Das gilt auch für den digitalen Raum.
Motorik: Viele Apps und Websites setzen präzise Touchscreen-, Tastatur- oder Mauseingaben voraus. Aber auch andere Elemente wie Zeitlimits bei Formularen schliessen Betroffene aus.
Sehbeeinträchtigungen und Blindheit: Nicht barrierefreie Websites, fehlende Alternativtexte bei Bildern oder schlecht strukturierte PDFs stellen erhebliche Hürden dar. Auch Grafiken, die Informationen nur visuell vermitteln, sind ohne Beschreibung nicht zugänglich.
Hörbeeinträchtigungen und Gehörlosigkeit: Podcasts, Videos ohne Untertitel oder rein akustische Benachrichtigungen sind nicht zugänglich. Automatische Untertitel auf Plattformen wie YouTube oder Microsoft Teams sind verfügbar, aber nicht immer zuverlässig.
Kognitive Behinderungen beeinflussen, wie Menschen Informationen aufnehmen, verarbeiten, behalten und anwenden. Sie entstehen durch verschiedene Ursachen – etwa frühkindliche Hirnschädigungen oder genetische Syndrome wie beispielsweise Trisomie 21. . Die Ausprägungen sind individuell sehr verschieden: Manche Betroffene benötigen im Alltag wenig Unterstützung, andere sind auf umfassende Begleitung angewiesen.
Komplexe Benutzeroberflächen, lange Texte ohne visuelle Unterstützung oder unvorhersehbare Navigationswege können überfordern.
Fehlende Zeitflexibilität bei digitalen Aufgaben benachteiligt Betroffene zusätzlich.
Darüber hinaus kann es Heranwachsenden mit kognitiven Beeinträchtigungen schwerfallen, Risiken zu erkennen, Inhalte einzuordnen oder einzuschätzen, welche Informationen sie online teilen sollten. Das erhöht die Gefahr, Opfer von Betrug, Ausnutzung oder ungeeigneten Inhalten zu werden.
Heranwachsende, die sich lautsprachlich schwer verständigen können, finden über Apps, Chats oder soziale Medien neue Ausdruckswege.
Schreiben, Tippen oder Kommunizieren über Symbole kann niederschwelliger sein als das gesprochene Wort.
Viele autistische Jugendliche empfinden digitale Kommunikation (Text, Emojis) als weniger bedrohlich als Gespräche von Angesicht zu Angesicht, da nonverbale Signale wie Augenkontakt oder Mimik wegfallen oder steuerbar sind.
Digitale Medien können etwa für autistische Kinder und Jugendliche eine wichtige Rolle bei der Emotionsregulation spielen. Musik hören, ein vertrautes Video schauen oder ein ruhiges Spiel spielen hilft, sich zu beruhigen oder Stress abzubauen. Das ist eine legitime Bewältigungsstrategie, wenn sie bewusst eingesetzt wird und nicht die einzige bleibt.
Apps für Zeitmanagement, visuelle Tagespläne oder Erinnerungsfunktionen helfen neurodivergenten Kindern und Jugendlichen, ihren Alltag selbstständiger zu gestalten.
Digitale Medien ermöglichen selbstgesteuertes Lernen im eigenen Tempo. Inhalte können so oft wie nötig wiederholt werden, ohne dass ein soziales Unbehagen entsteht.
Online-Communities bieten gerade neurodivergenten Jugendlichen die Möglichkeit, Gleichgesinnte zu finden, seien es Gleichaltrige mit gleichen Interessen oder ähnlichen Erfahrungen.
Ausserdem gibt es in den sozialen Medien eine Vielzahl von Content Creators, die offen mit ihrer Behinderung oder Neurodivergenz umgehen. Sie zeigen ihren Alltag, räumen mit Vorurteilen auf und geben Tipps für Hilfsmittel. Das kann soziale Isolation mindern und das Selbstbild stärken.
Soziale Netzwerke
Soziale Medien und Games, aber auch Streaming-Plattformen sind so gestaltet, dass wir als Nutzende möglichst lange online bleiben. Immer neue Videos werden angezeigt, die uns interessieren könnten. Sobald ein Level bei einem Game geschafft ist, lockt das nächste. Für Kinder und Jugendliche mit ADHS, deren Belohnungssystem anders funktioniert, kann genau das die Selbststeuerung zusätzlich erschweren.
Wenn autistische Heranwachsende sich in digitale Welten zurückziehen, weil der Alltag zu viel wird, kann das kurzfristig helfen, aber langfristig die Isolation verstärken.
Nicht jede intensive Nutzung ist dabei ein Problem. Kritisch wird es, wenn Schlaf, soziale Kontakte oder die Schule darunter leiden.
Wer soziale Signale schwerer liest oder die Absichten anderer weniger gut einschätzen kann, ist online stärker gefährdet – für Cybermobbing, Betrug oder manipulative Kontakte.
Das gilt für viele autistische Kinder, aber auch für Kinder mit kognitiven Beeinträchtigungen, die Inhalte und Situationen im Netz oft nicht sicher einordnen können.
Der digitale Raum bietet Chancen für Kontakte und Gemeinsamkeiten, verstärkt aber auch das Risiko für Hassrede und Ausgrenzung. Besonderheiten im Ausdruck oder Aussehen können zum Gegenstand von Spott oder Beleidigungen werden oder zum Ausschluss aus sozialen Gruppen führen. Für Betroffene, die das Netz oft als Schutzraum vor realen Barrieren suchen, wiegt diese Erfahrung der Ausgrenzung besonders schwer und kann das Selbstbild sowie das Vertrauen in digitale Teilhabe beeinträchtigen.
Regeln sind sinnvoll und wichtig. Statt auf Verbote zu setzen, sollten Kinder hingegen schrittweise an einen selbstständigen Umgang mit digitalen Medien heranführt werden, passend zu ihren Möglichkeiten und ihrem Entwicklungsstand.
Kinder und Jugendliche bedienen Apps und Geräte oft sehr geschickt, auch wenn sie Beeinträchtigungen haben. Das bedeutet nicht automatisch, dass sie Inhalte richtig einordnen können, Risiken erkennen oder wissen, was online erlaubt ist. Genau dort brauchen sie Erwachsene.
Wer sich dafür interessiert, was Kinder und Jugendliche mit digitalen Geräten gerne machen und online erleben, wer zuhört, ohne vorschnell zu bewerten und die Bedürfnisse der Heranwachsenden ernst nimmt, schafft Vertrauen. Das ist die Basis, auf der auch Unsicherheiten und Probleme angesprochen werden können. Die Frage «Wie geht es dir nach dem Game?» ist oft aufschlussreicher als die Frage «Wie lange warst du online?».
Feste Vereinbarungen helfen besonders Kindern, die Vorhersehbarkeit und Struktur brauchen. Absprachen sollten positiv formuliert, gemeinsam erarbeitet und von allen eingehalten werden – auch von Erwachsenen. Hilfreich ist es, den Wechsel von Bildschirmzeit zu anderen Aktivitäten anzukündigen und beispielsweise mit einer Sanduhr oder einem hörbaren Timer zu unterstreichen.
Heranwachsende mit kognitiven Beeinträchtigungen oder Autismus erkennen Risiken online oft schwerer, etwa wenn jemand manipulative Absichten hat oder Inhalte verstörend wirken. Filter und technische Sperren können helfen, sind aber keine Garantie - es braucht eine offene, dem Entwicklungsstand des Kindes angepasste Begleitung sowie Gespräche über Datenschutz, Betrügereien und problematische Inhalte. Kinder und Jugendliche sollten wissen, dass sie mit beunruhigenden Erlebnissen immer zu einer Vertrauensperson kommen können. Gemeinsame Aktivitäten wie Fotos bearbeiten oder einen Film drehen bieten nicht nur die Möglichkeit für kreative Mediennutzung, sondern auch für Gespräche darüber, wie man sich im Netz zeigen möchte und was privat bleiben soll.
Ein aufgeräumter, ruhiger Arbeitsplatz für die Hausarbeiten ohne digitale Geräte in Reichweite hilft Kindern und Jugendlichen, sich zu konzentrieren. Ausserdem ist eine gute Balance von Online- und Offline-Zeiten bzw. -Aktivitäten wichtig. Bewegung, kreative Tätigkeiten und Zeit draussen wirken regulierend.
Barrierefreie Materialien, Hilfsmittel wie Vorlesefunktionen oder UK-Apps ermöglichen echte Teilhabe. Was für Kinder und Jugendliche mit besonderem Bedarf entwickelt wird, kommt ausserdem oft allen zugute.
Der Umgang mit digitalen Medien betrifft Zuhause und Schule gleichermassen. Eltern, Lehrkräfte und Fachpersonen, die sich regelmässig austauschen, können früher reagieren und besser unterstützen.
Neurodivergente Menschen erleben in bestimmten Umgebungen Barrieren, die sie funktional behindern, auch wenn sie keine offizielle Behinderung haben. Umgekehrt sind manche Behinderungen mit neurodivergenten Merkmalen verbunden. Darum profitieren beide Gruppen oft von denselben Lösungen. Ein strukturierter Seitenaufbau hilft sowohl einem blinden Jungen (Orientierung mit dem Screenreader) als auch einem autistischen Mädchen (Vorhersehbarkeit). Untertitel helfen Gehörlosen ebenso wie manchen Menschen mit ADHS, die dem gesprochenen Wort alleine schwer folgen können.
Drei Dimensionen, die sich an den internationalen Richtlinien für digitale Barrierefreiheit (Web Content Accessibility Guidelines WCAG) orientieren, zeigen auf, wo Barrieren entstehen – und wie sie gezielt abgebaut werden können:
Viele digitale Angebote setzen voraus, dass Nutzende komplexe Texte lesen, abstrakte Zusammenhänge schnell erfassen oder Reizüberflutung ausblenden können. Für Heranwachsende mit Dyslexie, ADHS, Autismus oder kognitiven Beeinträchtigungen sind das oft erhebliche Hürden.
Konkrete Ansätze:
Leichte und einfache Sprache: Kurze Sätze, keine Fremdwörter, klare Aktiv-Sätze. Das hilft Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen ebenso wie Betroffenen im Autismus-Spektrum, die Metaphern oft schwer deuten können.
Visualisierung: Timer-Apps, digitale Sanduhren oder Bildkarten-Systeme (z.B. METACOM, Boardmaker) helfen, abstrakte Zeiträume oder komplexe Abläufe begreifbar zu machen.
Reizarme Gestaltung: Klare Benutzerführung, wenig Ablenkung, anpassbare Oberflächen (z. B. reduzierter Modus bei iPads oder spezialisierte Lern-Apps)
Strukturierungshilfen: Digitale Checklisten, Aufgabensplitting, visuelle Wochen- und Tagespläne
Informationen sollen so präsentiert werden, dass sie von den Sinnesorganen optimal aufgenommen werden können. Das geschieht am besten über mehrere Kanäle, das heisst zum Beispiel sowohl visuell als auch auditiv.
Konkrete Ansätze:
Alternativtexte: Bilder und Grafiken benötigen eine kurze Textbeschreibung im Hintergrund, damit Screenreader sie für Menschen mit Sehbeeinträchtigungen vorlesen können.
Kontraste, Schriftanpassung und Skalierbarkeit: Texte müssen sich ohne Qualitätsverlust vergrössern lassen und einen hohen Kontrast zum Hintergrund aufweisen. Das ist wichtig für Sehbehinderte, aber auch hilfreich bei Konzentrationsschwäche. In den Betriebssystem-Einstellungen finden sich in der Regel Funktionen für Schriftgrösse, Kontrast und Farbumkehrung.
Audiodeskription: Bei Videos werden wichtige visuelle Handlungen zusätzlich durch eine Sprecherstimme erklärt.
Screenreader: VoiceOver (Apple), TalkBack (Android), NVDA (Windows) lesen Texte und Bedienelemente vor.
Untertitel (Captions): Sie sind essenziell für gehörlose und schwerhörige Menschen. Sie helfen aber auch ADHS-Betroffenen oder Menschen mit anderer Muttersprache, dem Inhalt besser zu folgen.
Gebärdensprache: Ergänzende Einblendungen oder Avatare schaffen echte Zugänglichkeit.
In dieser Dimension steht die physische Interaktion mit dem Gerät im Mittelpunkt. Wer keine Standard-Maus führen oder eine Tastatur drücken kann, braucht alternative Wege, um digitale Inhalte aktiv zu gestalten.
Assistive Technologien (AT):
Alternative Eingabegeräte: Einsatz von Mundmäusen, Kopfsteuerungen oder Augensteuerung (Eye-Tracking), um den Cursor zu bewegen.
Tastatur-Anpassungen: Einhandtastaturen, Bildschirmtastaturen oder Sensoren (Taster), die auf kleinste Bewegungen reagieren.
Software-Anpassungen:
Einrastfunktion und Filtertasten: Verhindern, dass ungewollte Mehrfacheingaben bei Zittern (Tremor) oder Spastik entstehen.
Sprachsteuerung: Befehle direkt per Stimme geben (Diktierfunktionen).
Unterstützte Kommunikation (UK):
Apps (z. B. MetaTalk oder GoTalk) ermöglichen es Kindern und Jugendlichen, die sich lautsprachlich nicht oder nur schwer verständigen können, über Symbole und Sprachausgabe zu kommunizieren.
Die Bundesverfassung verbietet die Diskriminierung von Menschen mit Behinderungen (Art. 8 Absatz 2) und sieht gesetzliche Massnahmen zur Beseitigung von Benachteiligungen vor (Art. 8 Abs. 4) vor. Das Bundesgesetz über die Beseitigung von Benachteiligungen von Menschen mit Behinderungen (Behindertengleichstellungsgesetz, BehiG; SR 151.3) setzt die Beseitigung von Benachteiligungen in zentralen Bereichen um.
Mit einer diagnostizierten Beeinträchtigung (Behinderungen, aber auch Dyslexie, ADHS etc.) besteht ein Rechtsanspruch auf Massnahmen zum Nachteilsausgleich. Das können technische Hilfsmittel sein, aber auch mehr Zeit, Pausen, eine besondere Raumgestaltung oder anderes.
Letzte Aktualisierung des Textes am 15.07.26
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