Wie Spiele manipulieren: Was Eltern über versteckte Tricks wissen sollten

| Bettina Bichsel

Games sind für viele Eltern unbekanntes Gebiet. Die Begeisterung ihrer Kinder für Brawl Stars, Fortnite und Co. ist ihnen unverständlich, das Zocken oft ein Grund für Auseinandersetzungen. Gerade die Mechanismen, die zu dieser Faszination beitragen, sollten Eltern aber unbedingt verstehen.

Die Game-Industrie ist ein riesiges Geschäft. 2024 lag der weltweite Umsatz der Videospielbranche laut einer Übersicht von GamesIndustry.biz bei über 184 Milliarden US-Dollar (162 Milliarden Franken). Handyspiele haben in den letzten Jahren immer mehr zugelegt und machen inzwischen die Hälfte des globalen Marktes aus.

Egal ob jung oder alt: Games faszinieren. Wer selbst nie Candy Crush, Roblox oder Clash Royale gespielt hat, mag schwer nachvollziehen können, was den Sog dieser Spiele ausmacht. Eine Umfrage der Agentur MYI in Zusammenarbeit mit dem LINK-Institut ergab 2023, dass es den Game-Fans vor allem um Entspannung und Ablenkung geht, sie aber auch die Herausforderung mögen. Spiele fördern strategisches Denken und Kreativität, den Gemeinschaftssinn und kooperatives Verhalten. Sie schaffen Spannung, Nervenkitzel und Momente des Triumphes.

Dark Patterns sind Designelemente, die uns beim Gamen in eine bestimmte Richtung lenken wollen – oft sehr subtil, so dass wir es gar nicht merken.

Dark Patterns: so werden wir im Spiel beeinflusst

Und dann gibt es die andere Seite: Ähnlich wie in der Werbung nutzen Spieleentwickler gezielte Mechanismen und psychologische Prinzipien, um Spielende in ihrem Verhalten zu beeinflussen. Man spricht von sogenannten Dark Patterns. Was bedeutet das?

Der Begriff bezeichnet Designelemente, die uns beim Gamen in eine bestimmte Richtung lenken wollen – oft sehr subtil, so dass wir es gar nicht merken. Ziel dieser Dark Patterns ist es einerseits, uns möglichst lange im Spiel zu halten oder dazu zu bringen, immer wieder zurückzukehren. Andererseits sollen wir dazu verleitet werden, Geld auszugeben, um Spielfortschritte zu erzielen. Gerade für Kinder und Jugendliche, die mit diesen Strategien nicht vertraut sind, ist es schwierig, sie zu erkennen.

Schauen wir uns ein paar Beispiele an für solche Mechanismen und die dahinterliegenden psychologischen Muster:

1. FOMO (Fear of Missing Out)

Spiele arbeiten mit begrenzten Angeboten oder Belohnungen, die nur für kurze Zeit erhältlich sind. Ein Beispiel dafür ist Fortnite mit seinen zeitlich limitierten Skins (Ausrüstungsgegenstände), die es nur für wenige Tage gibt. Diese Strategie macht sich das FOMO-Prinzip zunutze, also die Befürchtung, ich könnte etwas verpassen, wenn ich nicht schnell zugreife. Die Angebote kosten natürlich – und weil es immer wieder neue Anreize gibt, kann das ins Geld gehen.

2. Belohnungsschleifen

Dabei handelt es sich um ein Prinzip, das aus dem Glücksspiel bekannt ist: Spielende erhalten Belohnungen in unvorhersehbaren Abständen. Das verleitet dazu, immer weiterzuspielen, weil ich ja von weiteren Belohnungen profitieren möchte. Clash Royale nutzt beispielsweise Levelaufstiege und Trophäen, die nur sporadisch verteilt werden. Auch visuelle Effekte werden eingesetzt, um für kleine Glücksmomente zu sorgen und so die Motivation hoch zu halten.

3. Lootboxen

Lootboxen sind virtuelle Schatzkisten. Der Reiz ist im Grunde derselbe wie im Casino, wenn ich an einem Spielautomaten den Hebel ziehe: Ich hoffe auf mein Glück. In einem Game wie FIFA Ultimate Team oder Overwatch kaufe ich eine solche Box, ohne genau zu wissen, welchen Inhalt ich bekomme und ob es mir wirklich im Spiel nützt. Wenn ich Pech habe, ist die Frustration natürlich gross und ich überlege, dass mir vielleicht eine weitere Box mehr Glück bringt.

4. Pay-to-Win (Kauf dir den Sieg)

Viele Spiele werden als kostenlos vermarktet, enthalten aber die Möglichkeit, sich Vorteile zu erkaufen. Wer zum Beispiel in Clash of Clans schneller Truppen ausbilden oder in FIFA Ultimate Team bessere Spieler haben will, muss oft tief in die Tasche greifen – und das nicht mit virtuellem, sondern mit echtem Geld. Das sorgt für unfaire Voraussetzungen, da Spielende, die für ihren Spielfortschritt bezahlen, im Vorteil sind.

5. Sozialer Druck

Verschiedene Dark Patterns missbrauchen die soziale Komponente von Games, um zum Weiterspielen zu motivieren. Dazu gehören sogenannte Gilden- oder Clan-Systeme, in denen ich regelmässig aktiv sein muss, um meinen Beitrag zu leisten und andere nicht zu enttäuschen. Spiele wie World of Warcraft oder Clash of Clans setzen auf dieses Prinzip: Wenn ich nicht immer wieder spiele, verliere ich meinen Status in der Gruppe, Fortschritte gehen verloren oder ich werde sogar aus der Gruppe ausgeschlossen. Ein anderes Prinzip sind Belohnungen, wenn ich Personen aus meinem Umfeld zum Spielen einlade.

6. Monotonie und künstliche Hürden

Spiele verlangen oft wiederholte, zeitintensive Aufgaben (sogenannte Grinds), um Fortschritte zu erzielen. Alternativ können künstliche Hürden eingebaut werden, die dazu verleiten, Geld auszugeben, um schneller voranzukommen. In Diablo Immortal dauert es beispielsweise ohne Zahlung extrem lange, bis man eine hochwertige Ausrüstung erhält.

7. Endlos-Mechanismen

Spielinhalte sind manchmal bewusst so konzipiert, dass es schwerfällt, eine Pause einzulegen oder ganz aufzuhören. Das geschieht durch verschiedene Mechanismen: Mit sogenannten Streaks oder täglichen Aufgaben halten mich Games wie Roblox oder Coin Master bei der Stange. Wenn ich mich nicht täglich einlogge, laufe ich Gefahr, Fortschritte zu verlieren. Bei World of Warcraft wiederum gibt es keine klaren Runden oder Levelübergänge. Vielmehr werde ich konstant vor neue Herausforderungen gestellt.

8. Irreführende Buttons und versteckte Informationen

Ein weiteres Dark Pattern ist das absichtliche Verstecken oder Umbenennen von Kauf-Buttons. Beispielsweise kann es vorkommen, dass ein «Weiter»-Button direkt zum Kauf führt oder dass eine Schaltfläche zum Ablehnen eines Abonnements besonders unauffällig gestaltet wird.

Tipps für Eltern

Dark Patterns sind schon für Erwachsene schwer zu durchschauen – für Kinder und Jugendliche umso mehr. Setzen Sie sich darum selbst mit den Mechanismen auseinander und unterstützen Sie Ihre Kinder:

  • Sprechen Sie über Dark Patterns. Erklären Sie, was sie bezwecken und warum das von den Spiele-Anbietern gewollt ist. Schauen Sie sich gemeinsam Beispiele in Spielen an.
  • Nehmen Sie sich Zeit, die Lieblingsgames Ihrer Kinder kennenzulernen. Spielen Sie gemeinsam und lassen Sie sich erklären, was daran so fasziniert.
  • Schützen Sie sich vor Kostenfallen, indem Sie bei Smartphones und Tablets die In-App-Käufe in den Einstellungen deaktivieren. Prüfen Sie bei Konsolenspielen, ob Käufe in den Einstellungen des Spiels verhindert oder nur durch ein Passwort ermöglicht werden können. Auch Kinder- und Familienkonten bieten Schutz. Ihr Kind sollte trotzdem wissen, dass es nicht selber etwas im Spielverlauf erwerben darf, selbst wenn es noch so verlockend ist.
  • Vereinbaren Sie klare zeitliche Regeln, z.B. mit täglichen oder wöchentlichen Bildschirmzeiten. Spielkonsolen verfügen meist über die Möglichkeit, Zeitbeschränkungen einzustellen. Manchmal kann es aber sinnvoller sein, eine Anzahl Spielrunden zu vereinbaren.
  • Beachten Sie die → PEGI-Altersfreigaben, die sich auch auf die jeweiligen Spielkonzepte stützen. Die Webseite → darkpattern.games listet «Gesunde Spiele» auf, die ohne manipulative Tricks auskommen.


Handy- und Videospiele zu verbieten ist nicht die Lösung. Bleiben Sie vielmehr im Austausch mit Ihren Kindern und unterstützen Sie sie dabei, reflektiert und aufgeklärt mit digitalen Spielen umzugehen. Medienkompetenz bedeutet nicht nur, Technik zu verstehen, sondern auch die psychologischen Mechanismen dahinter zu durchschauen.

Bettina Bichsel ist Journalistin und Texterin. Sie schreibt und bloggt unter anderem für Jugend und Medien.